
Ein zu verschriftendes langes i wird oft zur Qual: Muss ein e dazu oder nicht?
Wer hat sich diese Schickane überhaupt einfallen lassen? Es waren unsere Altvorderen. Die schrieben Langvokale oft mit zusätzlichen Buchstaben. An das a haben sie zum Beispiel ein zweites drangehängt (Saal) oder ihm ein h dazugegeben (Bahn), wenn sie zeigen wollten, dass der Klang des Vokals lang ist. Das ie gehört auch zu dieser Sonderschreibung von Langvokalen, wie im Wort Ziel. Diese wohlgemeinten Hilfen, die aus grauer Vorzeit fortgeführt werden, werden heute zu Fallstricken für viele Schüler.
Ich lese immer wieder in Erklärungen zum langen i, dass die Regelschreibung das ie ist. In 80 Prozent der Fälle liege man da richtig, heißt es oft. Das ist keine logische Regel, sondern eine Empfehlung mit Wahrscheinlichkeitscharakter, die Unsicherheit erzeugt.
Ausschlusskriterien für die Sonderschreibung des langen i
Am einfachsten ist es, wenn man das wichtigste Ausschlusskriterien für das ie kennt, wenn man weiß, wo es gar nicht vorkommen kann!
- Es muss sich um die erste Silbe eines in seiner Grundform ein- oder zweisilbigen Wortes handeln. Beispiele: Bier, viel, liegen, siegen, Gegenbeispiele: Li-ni-e, Ri-si-ko.
- Vorsilben oder vorangestellte Wörter zählen nicht mit. Beispiele: besiegen, Kantersieg, Überraschungssieger.
- Das ie gibt es außerhalb der ersten Silbe nur in den Wortendungen ie, ier, ieren und ierlich. Aber Vorsicht, es gibt auch den Fakir und den Vampir, bei denen kein e zum langen i kommt. Im Supermarkt kann, wer´s mag, Kefir kaufen.
Beispiele, bei denen das lange i nicht in der ersten Silbe vorkommt, und nicht mit ie verschriftet wird.
Ka-min, Del-fin, Ben-zin, Ven-til, Mu-sik, Ter-min, Ma-schi-ne, Skor-pi-on …
Wann klingt ein Vokal lang?
Wir lernen: Der Vokal klingt lang, wenn er am Ende der Silbe steht. Le-ben und Lie-be sind da gute Beispiele.
Diese Regel mit der Vokallänge wird mit der Silbenbildung nach der Duden-Trennregel aber bei Wörtern wie Schne-cke und Ta-sche ad absurdum geführt. Warum das die für die Lehre Verantwortlichen nicht stört, das bleibt mir rätselhaft.
Die Bestimmung der Vokallänge kann auch mit der Konsonantenregel geschehen: Folgt nach dem Vokal nur ein Konsonant, so klingt der Vokal lang.
Diese Regeln betreffen deutsche Wörter. Sie funktionieren nicht bei Wörtern, die in unsere Sprache eingewandert sind. Der Pi-rat ist da ein Beispiel.
Ein Sonderfall ist das Wort piksen. Das i ist lang, das Wort ist deutschen Ursprungs. Es wird aber von picken abgeleitet. Man hat die Verdoppelung des k weggelassen, aber dass i ohne e beibehalten.
Angetäusche Langvokale
Die Regel mit dem langen Klang von Vokalen am Silbenende täuscht durch die Silbenkennung nach der Trennregel Langvokale vor. Beispiele: Be-rich-ti-gung, Kreu-zi-gung …
Das i am Ende der künstlichen Silbe verführt zum langen Klang. Und Schüler kommen dann schon mal ins Grübeln. Wenn man weiß, dass das ie – außer in den Endungen ie, ier, ieren und ierlich – aber nur in der ersten Silbe vorkommen kann, ist das kein Problem mehr.
In meinen Leseübungen verwende ich keine Duden-Trennsilben. Bei mir wäre die Silbenkennung Be-richt-ig-ung und Kreuz-ig-ung. Wir sprechen normalerweise nicht in Trennsilben.
Voraussetzung für das ie
Das ist der schwierigere Teil!
- Es muss sich um ein ursprünglich deutsches Wort handeln. Beispiele: sie-gen, lie-gen, Gegenbeispiel: pri-ma, das Wort kommt aus Italien.
- Pronomen: Das ie gibt es nur im Wort sie. Wir schreiben wir, dir, ihr, ihm, ihn …
- Es gibt wenige Wörter, bei denen an das ie auch noch ein h anzuhängen ist: Vieh, ziehen, fliehen, wiehern sind die wichtigsten. Bei Flexionen (ich sehe, du siehst …) wird das h vom Grundwort mitgenommen.
- Das ie gibt es nie am Wortanfang (I-gel, I-dee).
Ich könnte Punkt 1 auch als Ausschlusskriterium einfacher formulieren:
Es darf sich nicht um ein Fremdwort handeln!
Was sind denn in der folgenden Zeile Fremdwörter?
Bibel, Bizeps, Brise, Fibel, Kino, Klima, Krise, Liga, Limo, prima, Silo
Ehrlich gesagt, ich hätte zu Beginn meiner Tätigkeit für die Rechtschreibförderung, wie wahrscheinlich auch viele Schüler, nur Bizeps genannt. Für mich sind das nämlich alles deutsche Wörter. Aber: Weil das alles keine ursprünglich deutschen Wörter sind, werden sie nicht mit ie geschrieben. Die Wörter haben wir aus anderen Sprachen übernommen, die Schreibweise aber nicht angepasst.
Wenn das lange i in der ersten Silbe eines Wortes vorkommt, ist die Kenntnis der Wortherkunft von Bedeutung. Denn:
Die deutschen Regeln
gelten nur für ursprünglich deutsche Wörter.
Handelt es sich um kein deutsches Wort, dann kein deutsches ie!
Beispiele von Wörtern mit kurzem i und nur einem Konsonanten danach:
Fi-gur, Fri-sör, Pi-lot, Pi-rat, fri-vol, Lin-e-al, pri-vat, vi-ral, vi-tal!
Hier klingt der Vokal kurz. Trotzdem muss der Konsonant nicht verdoppelt werden.
Bei Wörtern, die wir aus anderen Kulturkreisen übernommen haben, ist die Länge des Vokals am Ende einer Silbe nicht von den Konsonanten danach abhängig. Man lernt die Aussprache durch Hören, was ja auch bei unseren Wörtern oft nicht anders geht. Wie könnte man erklären, dass das Wort an einen langen Vokal hat, was der Regel entspricht, aber das Wort am einen kurzen? Oder, warum ist der Vokal beim Mond und beim Bart lang, obwohl zwei Konsonanten folgen? Niemand käme auf die Idee, diese Wörter mit kurzem Vokal zu artiklulieren. Keine Regel ohne Ausnahme.
Wortherkunft
Bei den folgenden Wörtern ist das i am Ende der ersten Silbe tatsächlich lang. Beim Üben könnte es helfen, wenn man die Herkunft mit einbezieht.
Die wahrscheinlich wichtigsten Wörter mit einem langen i ohne e am Ende der ersten Silbe:
Bi-bel – aus dem Griechischen, von Biblia (Bücher)
Bi-zeps – aus dem Lateinischen
Bri-se – aus Frankreich
Fi-bel – abgeleitet von Bibel, aus der früher die Lesestücke stammten
Ki-lo – Abkürzung für Kilogramm
Ki-no – lt. Duden, ein Kurzwort für Kinematograf
Kli-ma – aus dem Griechischen
Kri-se – aus dem Griechischen, cirisis
Li-ga – aus Spanien, Bündnis
Li-mo – Abkürzung für Limousine, als Abkürzung für Limonade wäre das i kurz
pri-ma – aus Italien
Si-lo – aus Spanien, Getreidegrube
Vi-rus – gleiche Schreibweise wie in England und Frankreich
Bei Tierbezeichnung tut man sich normalerweise leicht.
Ti-ger – Den Tiger gibt es bei uns nicht. Er kommt aus Indien.
Bi-ber – Das putzige Tier gibt es zwar bei uns, aber nicht ursprünglich. Es ist aus Osteuropa eingewandert.
Bi-son – Dieses Tier gibt es ursprünglich nicht bei uns.
Di-no – Abkürzung von Di-no-sau-ri-er. Dieses Wort habe ich noch nie mit ie verschriftet gesehen. Warum? Weil die Kinder so oft mit diesem Wort zu tun haben, dass die Rechtschreibung kein Problem mehr ist.
Besondere Fälle:
Der Stift hat eine Mine.
Als Paul sein Zeugnis bekam, hellte sich seine Miene auf.
Wir sangen schöne Lieder.
Susi hat Augen mit schönen Lidern.
Die Türe des alten Schlosses wurde im urprünglichen Stil renoviert.
Der Besen hat einen langen Stiel.
Warum haben viele Schüler Probleme mit dem ie?
Die heutige Lehre basiert auf dem Konzept „Lesen durch Schreiben“. Reformpädagogen hat es gestört, dass Kinder zu Beginn in der Schule immer nur das schreiben konnten, was ihnen vorgegeben wurde. Also hat man sich etwas einfallen lassen, damit Kinder sofort loslegen können: die Anlauttabelle, die heute als Schreibtabelle (Link zu meinen Blogs unten) in den Fibeln enthalten ist. Das Kind sucht sich für das Wort, das es schreiben will und nach seinem Klang schreiben muss, die notwendigen Zeichen heraus. Das Problem ist aber, dass die Schreibtabelle nicht alle Lautverschriftungen abdecken kann, es sind derer viel zu viele, und dass oft nicht so geschrieben wird, wie die Wörter klingen. Und deshalb hat man die Rechtschreibregeln entwickelt, die die Abweichungen ableitbar machen sollen. Das gelingt auch ziemlich oft, aber nicht vollständig. Es bleiben viele Ausnahmen. Der Schreibprozess ist für viele Kinder eine gedankliche Anstrengung, weil sie nicht nur für den Text, sondern auch für die Rechtschreibung und oft auch noch für die Handschrift Gehirnkapazität brauchen. Beim derzeitigen Schriftspracherwerb wird der pädagogische Grundsatz „Vom Einfachen zum Komplizierten“ eine Herausforderung. Viele Kinder wissen zwar viel über Rechtschreibung, bringen aber auch viel durcheinander. Sie entwickeln Chaos im Kopf.
Früher, zu meiner Schulzeit, hat man tatsächlich sehr viel abgeschrieben, Fehler mehrmals korrigiert und später, hier ein Beispiel aus meiner 3. Klasse, ganze Aufsätze noch einmal fehlerfrei zu Papier gebracht.

Das war höchst wirksam. Und Handschreiben war damals, dank gezielter Übung, nicht anstrengend. Heute fehlen vielen Kindern die Wiederholungen, die die Sicherheit bringen. Zu wissen, wie ein Wort geschrieben wird, und es isoliert buchstabieren zu können, heißt nicht, es im Schreibprozess auch richtig anwenden zu können. „Wissen ist nicht Können!“, sagt meine Kollegin Dina Beneken zu diesem Thema in einem Ihrer empfehlenswerten Lernkompetenzbriefe!
Üben, üben, üben
Zu diesem Blog habe ich eine Übung erstellt, auf die ich im Nachspann einen Link gesetzt habe. Teile der Übung können Sie auch individuell anpassen.
Ich wünsche viel Erfolg!
April 2026 – Siegbert Rudolph
Übung „i oder ie“ auf der-lesekoch.de

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