Der Lesekoch-Blog

Montag, 20 März 2017 09:35

19. Bundeskongress des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. - 17.-19-03.2017 - Würzburg

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"Erkennen, fördern und fordern – Neue Erkenntnisse zur Legasthenie und Dyskalkulie" war das Motto des Kongresses. Es waren drei interessante Tage und ein insgesamt gelungenes Programm mit Vorträgen und Workshops. Ich habe die Zeit genutzt und so viele Termine wie möglich wahrgenommen. Mein Fazit:


Eine Förderung für das Lesen und das Rechnen sollte so früh wie möglich beginnen. Das zog sich wie ein roter Faden durch den Kongress. Mehrfach wurde auf die Problematik hingewiesen, dass die Förderung erst dann finanziert wird, wenn die Probleme bereits gravierend sind. Die Leseförderung sollte auf jeden Fall in der zweiten Klasse beginnen. Einige Referenten meinten, es müsse schon in der ersten Klasse sein, was ebenfalls meinen Vorstellungen entspricht. Man müsse einfach verhindern, dass der Rückstand, der sich bei den Kindern entwickelt, wenn sie Schwierigkeiten im Lesen haben, zu groß wird. Susanne Volkmer forderte ganz deutlich: „Sofort fördern, schon bei ersten Anzeichen!“


Üben ist unerlässlich. Besonders deutlich wurde das in einem Vortrag von Karin Kucian, die anhand von Bildern aus der Magnetresonanztomographie zeigte, dass sich die nachgewiesenen Abweichungen im Gehirn bei Kindern mit einer Rechenstörung durch Üben auflösen. ...

Das allerdings hat schon vor drei Jahren auf dem Kongress in Erfurt Professor Daniel Ansari (siehe meinen Beitrag in dieser Rubrik „Dyskalkulierer oder Dyskalkulierte – 12. Mai 2014“) berichtet. Neu war lediglich die Vorstellung einer Trainingssoftware, mit der diese Verbesserung erzielt wurde. Ein Test mit einer Vergleichsgruppe, die konventionell gefördert wurde, wurde zwar gemacht, aber wegen zu geringer Fallzahl nicht mit dargestellt. Das Murren der Teilnehmer veranlasste Frau Kucian allerdings, darauf hinzuweisen, dass die Ergebnisse der herkömmlichen Förderung mit der Gruppe, bei der die Software eingesetzt wurde, entsprachen. Richtiges Üben hilft also immer. Und: Dyskalkulie (und meiner Meinung nach auch Legasthenie) sind nicht gottgegeben. Der Vortrag zur Dyskalkulie zeigt, und das sagte Frau Kucian deutlich, dass es sich um eine Entwicklungsverzögerung handelt.


In einem Vortrag (Bettina Müller – Lesen mit der Silbe oder Lesen mit Strategie?) wurde festgestellt, dass es kontraproduktiv ist, wenn man die Leseflüssigkeit gezielt fördert, aber die Schüler noch Probleme auf der Wortebene haben. Tolle Erkenntnis der Wissenschaft! Jeder Trainer weiß das aus Erfahrung. Interessant war aber die Spreizung zwischen schwachen und guten Lesern, von der die Referentin berichtete. Von hundert Wörtern lesen selbst Schwachleser noch 72 richtig, der Durchschnitt liegt bei 95,4, und gute Leser machen gar keine Fehler. Bei der Leseflüssigkeit schaut es aber dramatisch aus. In einer gegebenen Zeiteinheit lesen schwache Schüler 18 Silben, der Durchschnitt liegt bei 72 Silben, die Spitze liegt bei 175 Silben. Beim Lesen wurde in mehreren Vorträgen die Bedeutung der Silben hervorgehoben, und dass es notwendig ist, ein langes Wort für die Kinder zu clustern.


Während laut Professor Thomé der Prozentsatz der männlichen Schüler mit Dyskalkulie 75 Prozent beträgt, sagt Frau Kucian, dass mehr Mädchen als Jungen betroffen seien. Ein bisschen zweifelt man da an wissenschaftlichen Aussagen. Für die Praxis ist das aber auch wenig relevant.


Ich fand den Vortrag „Auf den Lehrer kommt es an“ von Elke Inckemann sehr informativ. Sie sprach davon, dass 15 – 22 Prozent der Kinder psychische Störungen haben. Außerdem gäbe es in den Klassen auch noch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Deutsch als Zweitsprache. Die Anforderungen an Grundschullehrer sind deshalb ein konstruktiver Umgang mit Heterogenität, das Erkennen von Förderbedarf, die Bereitstellung eines individuellen Angebots und die Zusammenarbeit mit Familien und außerschulischen Einrichtungen. Gerade Letzteres wurde auch durch KMK-Beschlüsse belegt. Ich frage mich, wer den Lehrkräften die Zeit dafür gibt?


Es gab viele Informationen. Nicht alles war neu. Aber das hat nicht gestört, denn in vielen Punkten fühle ich mich einfach bestätigt, z.B. als Lorenz Huck in seinem Vortrag „Das konnte ich noch nie...“ feststellte, dass man die Kinder aus den Misserfolgserlebnissen herausreißen und motivieren muss. Er beschrieb sehr schön den Teufelskreis der Lernstörung: Es beginnt mit Schwierigkeiten beim Lernen. Die Folgen sind eine schwache Schulleistung und Misserfolge. Es folgt der Verlust von Selbstvertrauen. Lern- und Leistungssituationen werden vermieden. Und das verstärkt wiederum die Schwierigkeiten beim Lernen. Ein Beispiel zum Vermeidungsverhalten, nämlich der häufige Gang zur Toilette während des Trainings, erinnerte mich an einen meiner Schüler. Lorenz Huck stellte noch fest, dass es die Lehrer in der Grundschule heute mit Kindern zu tun haben, die in ihrer Entwicklung bis zu vier Jahre auseinander sind.


Am Sonntag gab es ein Grußwort von Simone Fleischmann, der Präsidentin des BLLV. Sie lobte den Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik, musste aber einschränkend darauf hinweisen, dass die Politik wohl nur bei der Begrüßung vertreten war. Sie kritisierte die Veränderungen bei LRS in Bayern, die zu großen Unsicherheiten geführt hätten. Ihrer Meinung nach mache es sich die Politik zu leicht, sie mache die Augen zu, meinte Frau Fleischmann.


Es gab für mich viele Anregungen für meine Arbeit und gute Argumente zum Thema. Ein kleiner Wermutstropfen waren die manchmal nur schwer lesbaren oder unzumutbaren (unübersichtlich und überfrachtet) Charts mancher Wissenschaftler.


Die von mir besuchten Workshops und Vorträge:


Workshop: Förderung in der Kleingruppe bei beginnenden Leseschwierigkeiten – Susanne Volkmer, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität München
Workshop: Rechtschreibförderung für Gymnasiasten und Realschüler mit dem Intelligente LRS-Schüler-Lernprogramm – Uta Livonius, LRS Coaching Reinbek
Auf den Lehrer kommt es an, erkennen, fördern und fordern in der Lehrerbildung – Elke Inckemann, Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Didaktik, Ludwig-Maximilians-Universität München
Früherkennung von Legasthenie in Kindergarten und Schuleingangsphase – A. Prölß, Schulpsychologischer Dienst, Straubing
Meister Cody ‚Talasia – Computerbasierte Förderung für rechenschwache Kinder in der Grundschule - J.-T. Kuhn, WWU Münster, Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung, Münster
OLFA 3-9 Die Oldenburger Fehleranalyse für die Klassenstufen 3-9 – Fehlerdiagnose zur Vorbereitung einer individualisierten Therapie der Rechtschreibstörung/ -schwäche – G. Thomé, Institut für sprachliche Bildung, Oldenburg
Was hilft, wenn mehrere Lernstörungen zusammen auftreten? Herausforderungen für die Diagnostik und Förderung! – K. Moll, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Ludwig-Maximilians-Universtität München
Frühe Identifikation und Förderung von Erstklässlern mit beginnenden Leseschwierigkeiten – S. Volkmer, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität München
„Das konnte ich noch nie ...“ – mit psychischen und sozialen Folgen von Rechenschwäche und LRS konstruktiv umgehen, Nachteilsausgleich sinnvoll gestalten – L. Huck, Duden Institut für Lerntherapie, Berlin
Prosodiya – mit Sprachrhythmus Lesen und schreiben lernen – K. Brandelik, Tübinger Institut für Lerntherapie, Balingen
Neurobiologie der Rechenstörung – K. Kucian, Universitäts-Kinderspital Zürich, Zentrum für MR-Forschung, Zürich
Lesen mit der Silbe oder Lesen mit Strategie? Welches Training wirkt für wen? – B. Müller, Universität Würzburg, Institut für Psychologie IV, Pädagogische Psychologie, Würzburg
Gezielte Leseförderung – universelle und/oder individuelle Fördermaßnahmen – S. Martschinke, Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Institut für Grundschulforschung, Nürnberg

2 Kommentare

  • Kommentar-Link Dorothea Thomé Dienstag, 21 März 2017 14:54 gepostet von Dorothea Thomé

    Vielen Dank für die gute Zusammenfassung. Nur eine kleiner Hinweis zum Vortrag von Günther Thomé: Es ging hier um den Anteil der männlichen Schüler mit einer Rechtschreibstörung oder -schwäche (nicht um Dyskalkulie). Auch bei uns in der Förderung in Oldenburg waren die Jungen überwiegend vertreten. Schöne Grüße und beste Wünsche.

  • Kommentar-Link Inga Morgenstern Montag, 20 März 2017 10:47 gepostet von Inga Morgenstern

    Vielen Dank für die gute Zusammenfassung des Kongresses. Ich habe die gleiche Quintessenz mit heimnehmen können, es war informativ und hilfreich, auch wenn nicht alles neu war.

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