Der Lesekoch-Blog

Samstag, 08 März 2014 15:10

"Ich weiß schon, was da stehen wird."

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Wissenschaftler haben in einer Studie nachgewiesen, dass des Lesens und Schreibens Kundige Informationen aus gesprochenen Sätzen nutzen, um vorherzusagen, welchen Gegenstand der Sprecher als nächstes erwähnen wird. Da wundert man sich, dass man dafür wissenschaftliche Studien braucht. Aber die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass diese Fähigkeit bei Analphabeten oder Menschen, die nur selten lesen, nicht vorhanden ist. Das finde ich, ist sehr interessant. Beim Lesen ist es nämlich genauso. Wir antizipieren, was da kommt und gleichen es mit dem ab, was tatsächlich geschrieben ist. Warum funktioniert das bei Legasthenie oder LRS nicht?

"Ich weiß schon, was du sagen willst", lautet die Überschrift des Artikels von Wolfgang Krischke in der FAZ vom 5. März 2014. Er berichtet über eine Forschungsprojekt in Indien. Die Probanden bekamen einen alltäglichen Satz - "Gleich werden Sie eine hohe Tür sehen!" - zu hören. Auf einem Computerbildschirm wurden verschiedene Gegenstände gezeigt, ein Knopf, eine Blume, eine Trommel und eine Türe. Interessant ist, dass die des Lesens und Schreibens Kundigen schon bei den Worten "eine hohe" auf die Tür blickten. Analphabeten richteten ihren Blick erst dann auf die Tür, als dieses Wort fiel. Falk Huettig, der die Studie durchgeführt hat, weist darauf hin, dass kommunikativer Erfolg auch von schnellen Reaktionen abhängt. Zitat aus dem FAZ-Artikel: "Er (Falk Huettig) plädiert dafür, Leseschwäche bei Kindern frühzeitiger zu identifizieren, um sie nicht in den Teufelskreis des Misserfolgs geraten zu lassen, der dazu führt, dass sie das Lesen am Ende ganz vermeiden. Die kognitiven Nebenwirkungen zeigen sich nämlich nicht nur bei Analphabeten im strengen Sinn, sondern auch bei Menschen, die lesen können, aber es nur selten und mit Mühe tun." Da kann ich nur zustimmen. Genau solche Kinder sind meine "Klientel". Meine Schüler, alle mit Leseschwierigkeiten, die als Legasthenie oder LRS klassifiziert sind, versuchen aufgrund von wenigen Wörtern oder Buchstaben zu antizipieren, was insgesamt da stehen könnte bzw. noch kommt. Sie spekulieren. Aber sie sind nicht in der Lage, ihre Spekulation mit dem tatsächlich Geschriebenen abzugleichen und gegebenenfalls zu korrigieren, weil ihre Lesetechnik dafür nicht ausgereift ist. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Legasthenie und LRS. Fortschritte sind nur möglich, wenn die Lesetechnik verbessert wird. Das geht nur durch gezieltes Üben. Bewusst langsam lesen und Silben erkennen, das sind die wichtigsten Maßnahmen. Und je frühzeitiger man damit beginnt, desto schneller stellt sich der Erfolg ein. 

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