Das Land der tausend Klänge

von Vera C. Koin

Im Video liest die Autorin selbst vor.

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Kapitel 01 Des Königs Krankheit

Es war einmal vor langer, langer Zeit. Als es noch Könige, Prinzen und Prinzessinnen gab. In einem Land, kleiner als unsere Stadt. Da lebte ein König, der eine schlimme Krankheit hatte: Man nannte sie die Übellaunigkeit. Kein Arzt konnte ihm helfen. Aber das Schlimmste daran war, dass er vor lauter Übellaunigkeit die Musik verboten hatte. Im ganzen Land ließ er von seinen Soldaten die Musikinstrumente einsammeln. Niemand konnte auch nur die kleinste Flöte oder die noch viel kleinere Fingerzimbel retten.

Die Soldaten des Königs stöberten auf Dachböden, in Kellern, in Schuppen und in Ställen. Sogar das dicke Federbett der Frau Bürgermeister schlitzten sie mit ihren Säbeln auf. Das sah dann aus, als ob es schneien würde.

Kein Instrument entging dem scharfen Blick dieser Unholde. Wochenlang rumpelten Kutschen, Karren, Leiterwagen und alles, was sonst noch Räder hatte, voll bepackt mit Geigen, Klarinetten, Waldhörnern, Klavieren, Trompeten, Posaunen, Trommeln, Gitarren zum Schloss. Für die Kirchenorgel hatte man drei besonders riesige Karren nebeneinander gebunden. Sechs der besten Dressurpferde des Königs mussten schön im Gleichschritt nebeneinanderher traben, um das kostbare Instrument vor dem Entzweibrechen zu bewahren. Alle Instrumente wurden ausgeladen, in das hinterste Burgverlies geschleppt, und hinter einer dicken Tür mit sieben Riegeln verstaut.

Jeden Tag gleich nach seiner Morgentoilette, stieg der König in das Burgverlies hinunter, guckte mürrisch und betrachtete zufrieden die verschlossene Tür. Das mit der Musik war ein für alle Mal erledigt! ERLEDIGT!

Kapitel 02 Tausend Klänge

Stimmt!

Im ganzen Land war es still geworden. Die Menschen flüsterten nur noch. Als ob sie sogar Angst vor ihrer eigenen Stimme gehabt hätten. Es gab zwar noch Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachtsfeste, Kirchweihfeste. Aber ohne Musik bemerkte man gar nicht, dass es ein Fest war. Nur essen, trinken und reden: Das war kein bisschen lustig.

Natürlich hätten die Leute wenigstens singen können, aber da sie die Musik so sehr vermissten, fühlten sie einen großen Schmerz in der Brust, der ihnen die Kehle zuschnürte. Der König aber war sehr zufrieden. Er liebte es, übellaunig und mürrisch zu sein. Und deshalb sollten auch seine Untertanen nicht fröhlich sein.

Als sich die Stille über das ganze Land ausbreitete, erkannten die Menschen allmählich, dass es Musik gab, die nicht auf Instrumenten gespielt wurde. Zum Beispiel lauschten sie nun häufiger dem Gesang der Vögel, dem Summen der Bienen, dem Plätschern des Bächleins. Sogar der Wind war ja ein richtiger Künstler! Mal pfiff er flott aus dem Kamin. Mal brauste er durch die Straßen. Dann wieder streichelte er die Blätter in den Bäumen. Und es raschelte, rauschte, wisperte und knisterte. Jeden Tag machten die Menschen neue Entdeckungen. Es ging ihnen wieder besser. Die Freude kehrte in ihre Herzen zurück. Die Welt wurde für sie zu einer Symphonie aus tausend Klängen.

Kapitel 03 Schlipp schlapp, trip trap

Bereits morgens, wenn jemand nach dem Aufstehen seine Kleider ausbürstete, hörte sich das nicht etwa so an: schrubb, schrabb, schräbbs. Sondern derjenige erfand einen flotten Bürstenrhythmus. Beim Kochen der Morgensuppe rührte die Mutter nicht einfach ganz normal im Kessel herum. Nein, sie entlockte dem Gefäß mit Hilfe des Schöpflöffels die muntersten Töne.

Beim Essen wurden die hölzernen Löffel mit Kastagnetten geschlagen. Das Wischtuch säuberte zwar den Tisch. Doch ganz nebenbei entlockte man ihm noch ein paar nette Schlippp-Schlapp-Klänge. Für den Weg zur Arbeit zogen die Leute am liebsten die Schuhe mit den klappernden Sohlen an. Sie liefen auch nicht mehr trip trap trip trap einfach so vor sich hin, sondern erfanden die witzigsten Schritte. Wie zum Beispiel: klapp tip di tap tippe di tap klapp klapp.

Was Arbeit war, wurde Musik. Der Besen, wenn er kehrte. Das scharfe Messer des Fleischers, wenn es gewetzt wurde. Der Hammer des Schmieds, wenn er auf den Amboss schlug. Ach, ihr könnt es euch selbst vorstellen.

Das Land des übellaunigen Königs wurde das musikalischte Land weit und breit. Ohne dass der König davon Kunde erhielt. Und ohne dass jemand heimlich die Musikinstrumente aus dem Verlies holen musste. Im Land der tausend Klänge waren die Menschen wieder fröhlich. Und weil sie immer lächelten, spürten sie auch den Schmerz in ihrer Brust nicht mehr, der ihnen einst die Kehle zugeschnürt hatte.

Kapitel 04 Der König lächelt

Eines Morgens geschah dann etwas sehr Seltsames.

Wieder einmal war der König völlig übellaunig und griesgrämig aufgestanden. Weil er sich aber noch ein wenig schlechter fühlen wollte, stieg er tief hinunter in das Verlies, wo er die Musikinstrumente des Landes eingesperrt hatte. Sehr zufrieden wollte er gerade sein Gesicht in noch mehr Falten ziehen, da hörte er plötzlich einen Klang wie Donnerhall.

Seine Untertanen hatten nämlich, wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert, alle im selben Moment zu singen begonnen. Und dieser Klang aus tausend Kehlen war so überwältigend, so zart und gewaltig zugleich, dass dem König, der sich zwar bemühte, eine grässliche, wütende Grimasse zu schneiden, ein Lächeln in das Gesicht gezaubert wurde. Die Leute in der Stadt sangen und sangen. Und der König lächelte und lächelte. So sehr er sich auch anstrengte, wieder griesgrämig zu gucken, es wurde nichts daraus.

Von diesem Tag an musste er lächeln, auch, wenn er eigentlich wütend war. Und so konnten die Menschen das Verlies aufsperren und ihre Musikinstrumente hervorholen, ohne dass ihnen ein Leid geschah.