Dinxbünxe
von Vera C. Koin
Im Video liest die Autorin selbst vor.
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Kapitel 01 Dummerchen
Weihnachten ist vorbei.
Die Mutter räumt den Christbaum ab.
Mia gefällt das nicht.
Sie will den Christbaum behalten.
Mindestens bis zum nächsten Weihnachtsfest.
Sie zieht einen Flunsch.
„Steh nicht rum!“, nörgelt die Mutter.
„Gib mir mal lieber die Dings!“
Mia bewegt sich nicht.
Woher soll sie wissen,
was die Mutter will?
„Na, die Dings!
Die Schere, du Dummerchen!“
Mia schlurft zum Tisch.
Wie ungerecht!
Dummerchen!
Immer soll sie erraten,
welche Sachen die Mutter braucht.
Kann sie die Dinge nicht beim Namen nennen?
Kapitel 02 Omas Keksdose
Mia hat viele, schöne Weihnachtsgeschenke bekommen.
Und sich riesig darüber gefreut.
Aber am allermeisten wünscht sie sich die Keksdose.
Oma hat sie geschickt.
Endlich ist die Dose leer.
„Mama!
Schenkst du mir die Dose?
Bittebittebitte!“
Mama wundert sich.
„Wofür brauchst du die denn?“, fragt sie.
„Ich wollte das Ding heute wegwerfen.“
Mia protestiert: „Nein, tu das nicht!“
Ihr gefällt die Dose.
Sie ist aus Blech und blau.
Blau wie der Sommerhimmel.
Blau wie das Meer.
Goldene Girlanden schlängeln sich um den Deckelrand.
Die kann man sogar spüren,
wenn man die Augen schließt.
„Das wird meine Schatzkiste“, sagt Mia.
Mama ist einverstanden.
Kapitel 03 Mias Schätze
Mia strahlt.
Sie trägt die blaue Dose in ihr Zimmer.
„Komm aber gleich zurück!“, ruft Mama.
„Ich brauch dich noch!“
Mia hat keine Lust, Mama zu helfen.
Deshalb antwortet sie nicht.
Sie stellt die blaue Dose mitten ins Zimmer.
Auf den Boden.
Dann schließt sie leise die Tür.
Sie nimmt ihr Kopfkissen.
Legt es auch auf den Boden.
Und macht es sich gemütlich.
Nun starrt sie die schöne Schatzkiste an.
Was soll sie hinein legen?
Mia sammelt viele Dinge.
Muscheln am Strand.
Leere Schneckenhäuser.
Ein rotes Blatt mit sechs Fingern.
Einen silbernen Knopf.
Ein Pony-Glitzerbild.
Aber am besten gefällt Mia der weiße Stein.
Kapitel 04 Dinxbünxe
Es ist nicht irgendein Stein.
Er passt genau in Mias Hand.
Sie kann eine Faust machen.
Dann sieht ihn keiner.
Und er fühlt sich gut an.
Sehr gut sogar.
Kühl und glatt.
Ohne Kanten.
Ohne Dellen.
Der Stein gleicht einem Ei.
Aber er ist schwerer.
Mia weiß nicht, was sie tun soll.
Deshalb legt sie einfach alle Sachen in die Dose.
„So, ihr lieben Dinxbünxe!
Vertragt euch gut!“
Mia schließt den Deckel.
Und stellt die blau-goldene Schatzkiste
auf den Nachttisch.
Kapitel 05 Tok tok tok
Inzwischen ist es Frühling.
Die Bäume haben schon grüne Blätter.
Mitten in der Nacht wacht Mia auf.
Es klopft.
Aber nicht an der Tür.
Das Klopfen ist ganz nah.
Dicht neben ihrem rechten Ohr.
Es klopft in der blauen Dose.
Gruselig!
Mia kriecht unter die Bettdecke.
Das Klopfen ist nun in ihrem Kopf.
Tok, tok, tok.
Mia fürchtet sich.
Aber sie ist auch neugierig.
Sie holt die Dose zu sich ins Bett.
Das Klopfen hört auf.
Doch jetzt ertönt ein leises Quieken.
Mia trägt die Dose hinüber zum Fenster.
Dort kann sie mehr sehen.
Es ist Vollmond.
Das Himmelslicht scheint ins Zimmer.
„Was ist das in der Dose?“
Vorsichtig hebt Mia den Deckel ein wenig hoch.
Und schiebt die Hand unter den Deckelrand.
Kapitel 06 Das Ding mit dem Entenschnabel
„Aua!“
Irgendetwas knabbert an Mias Zeigefinger.
Schnell verschließt sie die Dose wieder.
Ihr Herz pocht.
Oder klopft da schon wieder wer in der Dose?
Mia lauscht.
Da hört sie eine leise Stimme:
„Hallo, lass mich raus!“
Mia möchte fliehen.
Aber jetzt rumpelt es laut.
Die Schatzkiste hüpft lustig auf dem Fensterbrett
hin und her.
Mutig reißt Mia den Deckel herunter.
Und läuft schnell vom Fenster weg.
Eine Weile geschieht gar nichts mehr.
Auf einmal taucht ein Kopf
über dem Dosenrand auf.
Das Ding hat einen Entenschnabel.
Und einen Höcker auf der Stirn.
Und es spricht.
„Lauf doch nicht weg!
Ich tu dir nichts.“
Mia steht wie versteinert.
Kapitel 07 Aus dem Ei geschlüpft
Nun steigt das seltsame Wesen
ganz aus der Dose heraus.
Es ist nicht größer als ein Spatz.
Auf seinen langen Hinterbeinen
tappt es auf und ab.
„Wer bist du?“, fragt Mia.
Sie schleicht näher.
„Wie kommst du in meine Dose?“
„Ich bin aus dem Ei geschlüpft.“
„Was denn für ein Ei?“
Mia rückt noch näher heran.
Nun sieht sie,
dass der weiße Stein zerbrochen in der Dose liegt.
Das Tier richtet sich auf.
Es hat dünne Ärmchen und Hände mit fünf Fingern.
Es faucht: „Ich bin ein Dinosaurier.“
„Quatsch!“, flüstert Mia.
„Dinos sind ausgestorben.
Außerdem sind sie riesengroß.“
„Du siehst doch dass ich lebe.
Ich bin ein Minisaurier.
Aber ich habe den längsten Namen der Welt.
Mit fünfundzwanzig Buchstaben.“
„Aha“, sagt Mia.
Sie ist beeindruckt.
„Ich kenne noch nicht alle Buchstaben.
Wirst du mich jetzt fressen?“
Kapitel 08 Vom Fressen und Gefressenwerden
„Ich fresse keine kleinen Mädchen.“
Die großen, schillernden Augen des Tieres blitzen wütend.
„Ich fresse überhaupt kein Fleisch.
Aber hier in diesem Nest finde ich nichts Grünes.
Das verschrumpelte Ding hat mir nicht geschmeckt.“
„Hast du etwa mein schönes, rotes Blatt verspeist?“
Mia ist empört.
Sie guckt in die Dose.
Tatsächlich: Das Blatt ist weg.
Der Saurier hockt jetzt auf der Fensterbank.
Er schämt sich.
„Was willst du eigentlich von mir?“, fragt Mia.
Es kommt keine Antwort.
„Wir könnten Freunde sein.“
Mia streicht mit einem Finger
über die schuppige Haut des Minisauriers.
„Aber niemand darf wissen, dass es dich gibt.“
Kapitel 09 Das Tier braucht einen Namen
Mia nimmt die restlichen Schätze aus der Dose.
Sie muss ihrem neuen Freund ein Nest bauen.
Und er braucht einen Namen.
Aber keinen mit FÜNFUNDZWANZIG Buchstaben.
Außerdem braucht er Futter.
Wie soll sie das nur alles schaffen?
Mitten in der Nacht?
Sie schleicht auf die Toilette.
Dort tut sie so, als ob sie Pipi machen würde.
Sie reißt eine lange Klopapierschlange ab.
Die zerrupft sie in winzige Schnipsel.
Dabei überlegt sie sich einen Namen
für ihren neuen Freund.
Sie trägt die weichen Papierflocken zurück in ihr Zimmer.
Kapitel 10 Angeber
„Ich werde dich Mo nennen.
Diese Buchstaben kenne ich schon.
Mein Name fängt auch mit M an.“
Der kleine Saurier plustert sich auf:
„Willst du denn meinen richtigen Namen nicht wissen?
Ich heiße MICROCHPACHYCEFALOSAURUS.“
„Angeber!“, sagt Mia, „das kann ich mir nicht merken.“
„Angeber ist gemein!
Es geht ganz einfach:
M wie Mia, I wie Igel, C wie Cola, R wie Regen,
O wie Ohr ...“
„Schluss damit!“, ruft Mia.
„Ich gehe jetzt in die Küche.
Und du kommst mit.“
Kapitel 11 Kein Salat
Mia findet, dass Mo ganz schön schlau ist.
So einen Freund kann sie brauchen.
Sie will ihn jetzt füttern.
Und so schleicht sie den Flur entlang.
Obwohl es dort stockdunkel ist.
Mia fürchtet sich im Dunkeln.
Aber jetzt ist ja Mo bei ihr.
Er sitzt auf ihrer Schulter.
Mia will ihre Eltern nicht wecken.
Sie passt auf, dass sie kein Geräusch macht.
„Achtung!
Kurve nach links!
Stolpersteine im Weg!“, flüstert Mo leise.
Es sind Papas Schuhe.
Mo sieht alles.
Auch bei Nacht.
Endlich sind sie da.
„Wo ist denn hier ein Baum?“,
fragt Mo und schnüffelt.
Mia öffnet den Kühlschrank.
„Hier gibt es keine Bäume.
Aber der Salat ist alle.
So ein Pech!“, sagt Mia.
„Was machen wir denn jetzt?“
Kapitel 12 Voll daneben>
Mo ist nun wirklich sehr hungrig.
Mia hat eine Idee.
„Vor unserem Haus steht ein Baum.
Kannst du fliegen?“
Mo hüpft auf den Küchentisch.
„Ich weiß es nicht.
Soll ich es mal probieren?“
Mia sieht, wie Mo seine Flughäute spannt.
Dann segelt er los.
Zuerst klappt es ganz gut.
Plötzlich taumelt er.
Er schlägt wild mit den Flügeln.
Mia rennt zu ihm hin.
Will ihn auffangen.
Aber da ist es schon passiert.
Mo knallt gegen die Wand.
Er landet auf dem Rücken.
In der Spüle!
Mia ist entsetzt.
Hat der Lärm etwa die Eltern geweckt?
Rasch versteckt sie sich hinter den Gardinen.
Nichts rührt sich.
Außer in der Spüle.
Mo kichert:
„Verflixt. Das ging voll daneben.“
Kapitel 13 Ruhestörung>
Mo kann also nicht zu dem Baum
vor dem Küchenfenster fliegen.
Mia überlegt.
Sie will ihrem Freund helfen.
„Wir müssen hinaus“, sagt sie.
„Alle in der Stadt schlafen schon.
Keiner ist mehr auf der Straße.
Da kann ich ruhig im Schlafanzug gehen.“
Barfuß tappt Mia ins Treppenhaus.
Sie bleibt stehen und lauscht:
„Die Luft ist rein!
Los!
Komm!“
„Ich bin so aufgeregt“, sagt Mo.
Er ist neugierig, wie es draußen aussieht.
Er stößt seltsame Laute aus.
Es klingt wie quaken.
Es klingt wie quaken.
„Kwapt kaul, kwapt kaul.“
„Psst!
Halt den Schnabel!“, flüstert Mia.
Im Erdgeschoss geht ein Fenster auf.
Der griesgrämige Herr Hansen schreit:
„Ruhestörung!
Ich rufe die Polizei!“
„Duck dich!“, wispert Mia.
Sie macht sich ganz klein.
Kapitel 14 Hoch oben>
Es ist noch einmal gut gegangen.
Herr Hansen hat sie nicht entdeckt.
Die Polizei ist nicht gekommen.
Nun aber schnell hinüber zu dem Baum.
Damit Mo endlich fressen kann.
Leckere, saftige, grüne Blätter.
Warum sind bloß die Äste so weit oben?
So sehr Mia sich auch streckt:
Die Blätter hängen zu hoch.
Mias Arme sind zu kurz.
„Du musst eben doch fliegen!“, sagt sie.
„Los!
Übung macht den Meister.“
Mia stellt sich auf die Zehenspitzen.
Mo trippelt ängstlich
auf ihrer Schulter hin und her.
„Ich zähle jetzt bis drei.
Dann hebst du ab.
Es kann nicht schiefgehen.
Schau!“
Mia zieht ihre Schlafanzugjacke aus
und hält sie wie ein Sprungtuch.
„Wenn du abstürzt, fange ich dich auf.“
Kapitel 15 Ein Ungeheuer>
Mo traut sich.
Er fliegt hoch und immer höher.
Bis er zwischen den Blättern verschwindet.
Mia hört ihn schmatzen.
Mo frisst und frisst.
Mias Arme tun allmählich weh.
Sie breitet die Schlafanzugjacke
auf dem Gehsteig aus.
Dann legt sie sich auf den Rücken.
Der Mond scheint ihr ins Gesicht.
Mia schließt die Augen.
Sie träumt ein bisschen.
Aber plötzlich erschrickt sie.
Da ist ein Dröhnen und Poltern.
Es kommt näher.
Mia reißt die Augen auf.
Ein Ungeheuer rast auf sie zu.
Es hat keine Beine.
Sondern Räder.
Jetzt sperrt es sein Maul auf.
Mia ist steif vor Angst.
„Kleines Mädchen, was tust du hier?“
Kapitel 16 Wo ist Mo?>
Wer spricht da?
Vor lauter Getöse bebt die Erde.
Eine dunkle Gestalt beugt sich über Mia.
Jemand berührt ihre Hand.
Mia denkt: „Mit mir ist es aus!
Ein Verwandter von Mo!
Ein Riesensaurier!“
Aber es ist nur der Müllmann.
„Hast du Mo gesehen?“,
fragt Mia verdutzt.
„Suchst du wohl deinen Hund?“,
will der Müllmann wissen.
Eigentlich ist er ganz freundlich.
„Nein, meinen Dinosaurier“,
jammert Mia.
„Haha, kleine Dame.
Du bist wohl eine Schlafwandlerin?
Geh mal schnell zurück ins Haus!“
Kapitel 17 Mo kann fliegen>
Ohne Mo will Mia nicht gehen.
Soll sie ihn rufen?
Doch der Müllmann
schiebt sie energisch zur Haustür.
Traurig schleicht Mia zurück in die Wohnung.
Sie legt sich ins Bett.
Aber sie kann nicht schlafen.
Hoffentlich ist Mo nichts passiert!
Tok, tok, tok.
Mia erschrickt.
Wieder klopft es.
Diesmal am Fenster.
Mia springt aus dem Bett.
Und wer sitzt da auf dem Fensterbrett?
Putzmunter und fidel.
Mo.
„Ich kann fliegen“,
sagt der kleine Dinosaurier.
„Mein Bauch ist voll.
Jetzt will ich schlafen.
In meinem Nest.
Gute Nacht!“
Mia ist glücklich.
