
Quick and dirty
„Quick and dirty“ oder schnell und fehlerhaft lesen – bei meinen Schülern kommt das oft vor. Die Überschrift stammt aus meinem bezahlten Berufsleben. Ich wollte einmal von einem Entwicklungskollegen ein Programm in einer unangemessen kurzen Zeit. Er meinte dazu, ja, könne ich haben, aber auf die Schnelle nur quick and dirty.
Die Zeit für das Lesenlernen ist für manche Kinder leider nicht angemessen. Sie ist zu knapp. Viele Kinder erreichen nicht die Lesesicherheit, die sie bräuchten, halten bei der Lesegeschwindigkeit aber einigermaßen mit, weil sie raten. Sie überspielen ihre mangelnde Fertigkeit geschickt, glauben sie vielleicht. Einem meiner Schüler ist das wirklich perfekt gelungen. Die Schule bat mich, einen Zweitklässler zu übernehmen, der so gut wie nicht lesen konnte. Die Mama allerdings war der Meinung, dass ihr Filius gut lesen könne. Es müsse an der Lehrkraft liegen. Ich stellte sofort fest, dass die Schule recht hatte. Ich wollte von der Mama wissen, wie sie zu ihrem Urteil gekommen ist. Sie sagte, dass ihr Sohn ihr jeden Abend aus dem Buch vorlese, und zwar perfekt. Meine Frage, ob sie denn ins Buch sehe, um das zu kontrollieren, meinte sie: „Ins Buch lässt er mich doch nicht schauen!“ Aufgrund von Bilder und vielleicht wenigen Wörtern hat der schlaue, aber leseunkundige Knabe eine Geschichte in perfektem Deutsch produziert.

Auch ich lese manchmal „quick and dirty“. Zum Beispiel wenn ich am Morgen vor dem ersten Kaffee in der Zeitung die Schlagzeile „Vergewaltigung gegen die Mehrheit“ lese. Ich frage mich allerdings sofort, welchen Unsinn die Redaktion da wieder verzapft hat. Dass diese Überschrift keinen Sinn ergibt, das merke ich natürlich. Beim nochmaligen Lesen heißt es dann: „Wortgewaltig gegen die Mehrheit“.
Lesefehler immer korrigieren
Lesefehler müssen nicht sinnentstellend sein, so wie in meinem Beispiel. Ich sage es dem Kind aber immer, wenn es vom Text abgewichen ist. Manche Pädagogen sehen das anders, zum Beispiel Jürgen Reichen in seinem Buch „Hannah hat Kino im Kopf“. Ich zitiere: „Wenn in einer Geschichte über ein Mutterschwein und ihre Ferkel der Satz steht ‚Die Mutter säugte ihre Jungen‘ und ein Kind liest ‚Die Mutter säugte ihre Kleinen‘, dann sollte dies nicht als Fehler angekreidet werden, sondern als Beleg dafür genommen werden, dass das Kind den Sinn des Satzes verstanden hat.“ Die Ratetechnik ist aber schädlich, denn bei schwierigeren Texten passieren dann größere Leseunglücke, die zu Unverständnis führen. Wenn Unverständliches gelesen wird, und das Kind einfach weiterliest, hat man vorher etwas versäumt, nämlich auf korrektes Lesen zu achten. Ich sage meist: „Gut vorausgedacht, aber unsauber gelesen!“
Lesebeispiele aus meiner Leseförderung
Oben der Originaltext, unten, kursiv das Gelesene:
Der Häuptling senkte sein Haupt.
Der Häuptling senkte seinen Kopf.
Der Sinn wurde hier nicht verändert. Das Wort „Haupt“ für „Kopf“ war aber noch zu anspruchsvoll. Das Raten überstrahlt das nicht passende Pronomen. Das ist ein Parallelfall zu dem Zitat oben.
Die Mäuse rennen vor der Katze davon.
Die Mäuse rennen vor den Katzen davon.
Die Kinder der anderen Gruppe waren schneller.
Die Kinder der anderen Gruppen waren schneller.
Bei Kindern, die raten, richtet sich die grammatische Anzahl nach dem ersten Nomen. Steht es in der Mehrzahl, werden alles folgende Nomen im Satz im Plural gelesen.
In den Bergen gibt es Hunde, die unter Lawinen verschüttete Menschen suchen.
In den Bergen gibt es Hunde, die unter Lawinen schnüffeln.
Verständlich, denn was machen Hunde denn sonst?
Stell dir vor, du liegst in einem Bett in einem Baumhaus.
Stell dir vor, du liegst in einem Bett und schläfst.
Klar, was macht man denn sonst im Bett.
Wie lange hat sie den Verdächtigen verhört?
Wie lange hat sie denn Verdächtige verhört?
Beim Lesen hatte sie kleine Probleme.
Beim Lesen hatte sie keine Probleme.
Bei den letzten vier Beispielen wird der Sinn entstellt. Entweder wurde aufgrund des noch begrenzten Vorstellungsvermögens falsch vorausgedacht oder einfach ähnliche klingende Wortbilder verwendet. Es gibt einen Bruch in der Geschichte, der nicht immer von den Kindern bemerkt wird. Die Frage, ob das Gelesene verstanden wurde, ist da angebracht. Ich rate jedem meiner Leseschüler, die Passage zu wiederholen, bei der etwas nicht passt. Wenn man rechtzeitig und konsequent darauf achtet, korrigieren sich die Kinder auch bei nicht sinnentstellenden Fehlern ganz automatisch von selbst. Die Anzahl der gelesenen Wörter pro Minute sinkt dann allerdings. Ich hatte schon Schüler, die nur 60 Wörter pro Minute lasen, aber nur deshalb, weil sie ihre Fehler selbst korrigiert hatten. Mit den Wiederholungen kamen sie auf 80 oder 90 Wörter. Mit mehr Übung steigt die Sicherheit, und die Lesefehler verschwinden.
Die Lesebeispiele stammen von Schülern, die auf den ersten Blick den Eindruck machten, dass sie gut lesen können. Aber am genauen Lesen musste ich mit ihnen noch arbeiten. Wenn Schüler ohne Punkt und Komma unsinniges Zeug, teils verstümmelte Wörter lesen, dann ist ein Neuanfang notwendig. Die Schüler haben resigniert.
Übungen
Man kann bei jedem Text auf die Genauigkeit achten. Es gibt aber auch spezielle Übungsarten.
Schüttelsätze
Bei Schüttelsätzen stehen die Wörter in einer unsinnigen Reihenfolge. Der letzte Satz ist der richtige. Raten ist bei den ersten beiden Zeilen unmöglich, auch auf die Endungen muss genau geachtet werden. Positiv ist auch der Wiederholungseffekt, denn alle Wörter des Satzes werden dreimal gelesen. Schüttelsätze sind Bestandteil vieler Übungen, hier ein Auszug aus einer Witze-Übung: Beispiel:
Schüttelsätze kann man auch gezielt üben.
Da stimmt was nicht
Auch diese Übungsgruppe ist gut geeignet, weil man die unpassenden Wörter nur findet, wenn man aufmerksam liest. Beispiel:
… usw. Die unpassenden Wörter sind anzuklicken.

Sätze mit Knax
Sehr beliebt, auch bei den Eltern, sind die Sätze mit Knax, bei denen ebenfalls sehr genau gelesen werden muss, um den „Knax“ im Satz zu finden. Beispiel:
Hier muss genau hingeschaut werden.

Meine Online-Übungen können übrigens bequem ausgedruckt werden. Dafür habe ich den Druck-Button oben unter dem Titel eingebaut:

Interessant ist vielleicht auch mein Lesetest, der zum Raten verführt. Es kommt beim Lesen darauf an, sich nicht „verführen“ zu lassen.
Am Anfang werden die Weichen gestellt
Am besten steuert man aber ganz am Anfang gegen die Ratestrategie und greift bei Lesefehlern jeder Art unterstützend ein. Das mache ich manchmal sofort, manchmal auch erst am Ende des Satzes. Die Aufforderung, den Satz noch einmal zu lesen, reicht meist auch. Wenn ich frage, welches Wort nicht korrekt gelesen wurde, wissen die Schüler das in aller Regel.
Die Aufforderung, doch endlich mal schneller zu lesen, ist kontraproduktiv. Sie ist oft die Ursache des Problems.
Ganz schwache, überforderte Kinder hauen einfach das erstbeste Wort heraus, das zu den Anfangsbuchstaben passt. Sie wollen schnell fertig werden, das ungeliebte Lesen rasch beenden. Hier sind einfache Texte notwendig, die dem Kind eine Chance geben, sie zu bewältigen. Ich wähle dafür die buchstaben- und wortweise Anzeige des Textes, die fast immer eine deutliche Verbesserung bringt. Gelesen wird erst, wenn die Silbe oder das Wort vollständig ist. Ein Beispiel sehen Sie in dieser ganz leichten Übung mit einer kurzen Lesepyramide. Die Anzeigegeschwindigkeit, und ob für Silbe oder Wort zu klicken ist, ist individuell einzustellen.
Grundsatz: Es ist besser, langsam und richtig zu lesen, statt schnell und falsch! Die Geschwindigkeit kommt mit der Übung. Verständnis, Geduld und Unterstützung sind wichtige Bestandteile beim Üben!
Ich wünsche allen, die Kindern beim Lesenlernen helfen, viel Erfolg!
August 2026 – Siegbert Rudolph
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!




Lieber Siegbert, wieder einmal ein toller Beitrag, der es wirklich auf den Punkt bringt! Gerade dieses „Quick and dirty“-Lesen begegnet mir in der Lerntherapie auch immer wieder: Hauptsache schnell, und was nicht genau erlesen wird, wird kurzerhand aus dem Zusammenhang ergänzt oder erraten. 😉 Umso wichtiger finde ich deinen Grundsatz: lieber langsam und richtig als schnell und falsch. Die Geschwindigkeit kommt mit zunehmender Sicherheit von ganz allein.
Auch deine Übungsideen gefallen mir sehr; besonders die Schüttelsätze und die „Sätze mit Knax“. Eine schöne Möglichkeit, Kinder ganz spielerisch dazu zu bringen, wirklich genau hinzuschauen und eben nicht einfach vorauszuraten.
Danke für den schönen und praxisnahen Beitrag!
Du bringst es mal wieder auf den Punkt, lieber Siegbert!
Und dein Artikel, der mit so vielen persönlichen Erfahrungen gespickt ist, zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, an unserer Fehlerkultur zu arbeiten.
Die Idee, Korrekturen würden aus Kindern gebrochene Menschen ohne Selbstbewusstsein machen, geht völlig an der Realität vorbei. Wertschätzende Korrekturen in einem angemessenen Maß und mit anschließendem Erfolgserlebnis machen aus Kindern Menschen, die sehr genau einschätzen können, wo sie stehen, was sie können und was ihnen fehlt.
Und das letzte, was wir in den heutigen Zeiten gebrauchen können, sind Menschen, die davon überzeugt sind, dass sie alles richtig machen, obwohl die Realität etwas anderes zeigt.