
Gleich zweimal bin ich in diesen Tagen zu mehr Toleranz bei Rechtschreibfehlern aufgefordert worden. Das macht nachdenklich. Bleibt nur noch Anpassung? Ist die Rechtschreibung noch wichtig?
„Geben Sie es zu: Se knen lsen, ws hir gschrben wrde.“ Ich zitiere hier eine Kolumne einer Redakteurin aus meiner Regionalzeitung, den Fürther Nachrichten (30.06.2026). In einer zweiten Kolumne der FN wird die Rechtschreibung allerdings noch hochgehalten, immerhin! Zweifel, am Sinn der Rechtschreibung können einem auch bei einer Kampagne des BVL kommen, Motto: „Botschaften bewegen mehr als Buchstaben“. Die Kampagne enthält Plakate wie „Ich habe keine Fourteile.“ und „Ein Feler endert nichts an der Waheit.“ Untertitel jeweils: „Nicht jeder Satz ist perfekt. Aber die Bedeutung bleibt gleich.“ (LEDY 02.26) Der Verfall der Rechtschreibfertigkeit wird immer offensichtlicher. Die Talfahrt geht weiter. Die Latte wird niedriger gelegt.
Richtig ist, wie die Mehrheit schreibt
Für die Rechtschreibung ist neuerdings der Rat für deutsche Rechtschreibung zuständig. Von ihm hört man selten etwas. Wer Schreibweisen nachschlägt, tut dies im Duden, sicher heute meist in der Online-Ausgabe. Beim Duden gilt die Regel: Richtig ist, wie die Mehrheit schreibt. Logisch, denn dann ist die Schreibweise vertraut. Dumm nur, wenn dann unsinnige Schreibweisen plötzlich richtig werden und die richtigen falsch. Beispiel: „Wir danken Ihnen im Voraus.“ Den „Voraus“ gibt es in diesem Zusammenhang nicht. „Im voraus“ ist eine adverbiale Bestimmung. Aber weil viele Schreiber in der Präposition „im“ einen versteckten Artikel vermutet und weil sie gelernt haben, dass Wörter, zu denen ein Artikel gehört, großzuschreiben sind, hat sich die falsche Schreibweise verbreitet. Die Kleinschreibung gilt heute als falsch. Bei ähnlichen Konstellationen sind Groß- und Kleinschreibung nebeneinander möglich, zum Beispiel bei „seit langem“ und „seit Langem“. Die Großschreibung ist Unsinn, aber aufgrund der Häufigkeit inzwischen auch richtig. „Vor allem“, eine ähnliche Konstruktion, darf allerdings nur kleingeschrieben werden. Logisch? Wenn ich an diese Beispiele denke, verstehe ich tatsächlich, dass die Rechtschreibung an Wert verliert.
Eine Kollegin berichtete gerade von einem schlauen Viertklässler, der meint, die ganze Rechtschreibung wäre sinnlos. Seiner Meinung nach bräuchte man auch kein ß und kein ck. Bei dem Buchstaben ß kann ich den Knaben sogar verstehen. Das ß nach kurzem Vokal wurde eh schon bei einer Rechtschreibreform abgeschafft. Ich habe noch gelernt, Fluß zu schreiben, also mit ß. Die Änderung wurde aber akzeptiert, auch von mir, weil sie gut erklärt werden kann. Ich habe mit dem ß kein Problem, aber den Unterschied zum s hören, das konnte ich noch nie. Auch beim ck gäbe es eine Vereinfachung, nämlich kk zu schreiben, wie das bei Fremdwörtern, wie Mokka, eh der Fall ist. Die Verdoppelung brauchen wir, um die Vokallänge anzuzeigen. In anderen Sprachen wird der Vokal meist direkt gekennzeichnet. Das Beispiel zeigt: Die Rechtschreibung muss von Anfang an richtig gelehrt und eingeübt werden. Falls der Schüler meiner Kollegin ein oben zitiertes Plakat gelesen hat, würde er sich bestärkt fühlen.
Apropos Vereinfachung: Bei Professor Güther Thomé habe ich gelesen, dass in einer Rechtschreibkonferenz 1855 ein Professor vorschlug, das V zu streichen. Der Buchstabe sei überflüssig, meinte er, und wäre durch das f und das w schon abgedeckt. Seine Kollegen waren aber der Meinung, man könne den Menschen eine so gravierende Änderung nicht zumuten. Sie sollten sich nicht umgewöhnen müssen. Stellen wir uns mal vor, der Vorschlag wäre damals durchgegangen. Dann würden wir heute Fater, Fogel und braf schreiben, und keinen würde das stören. Und unsere Schüler müssten sich nicht mit einem Buchstaben herumplagen, dem zwei, bereits durch andere Buchstaben abgedeckte Laute zugeordnet sind. Weil ich Rechtschreibung richtig gelernt habe, stört mich das V überhaupt nicht.
Ich gehöre zu der Fraktion, die auf Rechtschreibung noch Wert legt. Wenn wir nicht einheitlich schreiben, fallen wir in graue Vorzeiten zurück. Zwar rutscht mir manchmal auch ein Tippfehler durch. Über Rechtschreibfehler ärgere ich mich dann, wenn unsere Sprache regelrecht verhunzt wird, wie in den genannten Beispielen. Menschen, die auf Rechtschreibung achten, sollen mit solchen Aktionen kleinkariert erscheinen. Warum geht die Rechtschreibkompetenz immer mehr unter?
Rechtschreibung ist schwierig geworden
Mir fällt die Rechtschreibung leicht. Ich muss nicht an Regeln denken, wenn ich schreibe. Ich habe die Rechtschreibung durch Schreiben gelernt, nicht durch Regeln. Heute wird in der Grundschule viel, viel weniger geschrieben. Meine Generation schrieb neunmal mehr in den ersten Klassen als die Kinder heute, und das mit der dafür geeigneten Schreibschrift von Anfang an. Die Reduzierung der Schreiberei, die es den Kindern leichter machen sollte, hat sich als Bärendienst herausgestellt. Drei Gründen sehe ich dafür:
- Die Schreibschrift wird mangels Übung bei vielen Kindern nicht locker, sie wirkt oft untrainiert und fordert Gehirnkapazität, die für Rechtschreibung und Inhalt gebraucht wird. Als Zweitschrift ist sie zudem unbeliebt, weil umgelernt werden muss. Und die Schreibgeschwindigkeit bleibt oft unbefriedigend, weil es an Übung fehlt.
- Man leitet die Schreibung vom Hören ab, man braucht also im Gegensatz zu früher die Ohren und gute Sprecher, um richtig schreiben zu können. Ich habe Schreiben durch Schreiben, sprich Abschreiben gelernt. Heute muss oft die phonologische Bewusstheit gezielt trainiert werden. Manche Kinder tun sich enorm schwer, herauszuhören, wo im Wort ein bestimmter Laut zu hören ist, und ob der Vokal nur kurz oder gedehnt daherkommt.
- Und für die Wörter, die anders als gehört zu schreiben sind, muss man Regeln lernen. Man spricht von Rechtschreibstrategien, die man anwendet, wenn man unsicher ist. Die Regeln haben viele Ausnahmen und gelten zudem nur für ursprünglich deutsche Wörter. Beispiel: Das lange i wird bei deutschen Wörtern in der ersten Silbe mit ie verschriftet. Bei dem Wort Fibel muss man wissen, dass das kein ursprünglich deutsches Wort ist. Fremdwörter sind für Kinder gar nicht leicht zu erkennen, und es gibt immer mehr davon.
Zu den Regeln gibt es den schönen Witz von einem Lehrer, der einem Jungen mit miserabler Rechtschreibung sagt, er solle doch an die Rechtschreibregeln denken, wenn er im Zweifel ist. Der Junge antwortet umwerfend offen und bringt das Problem auf den Punkt: „Beim Schreiben bin ich nie im Zweifel!“
Die KI nutzen
Nun heißt es heutzutage oft, auch in der Glosse in den Fürther Nachrichten, man habe ja jetzt die KI. Die kümmere sich um Rechtschreibung und Grammatik und könne sogar den Text stilistisch perfektionieren. Die Rechtschreibkorrektur nutze ich auch, verlasse mich aber nicht auf sie. Fürs Formulieren brauche ich keine Hilfe. Die generative KI kann uns das Schreiben allerdings tatsächlich erleichtern, wir könnten dadurch aber aus der Übung kommen, vor allem wenn die KI schon von Anfang an von Schülern dafür genutzt werden sollte. Ein großer Denkfehler ist es, dass uns die KI die Routinearbeit abnimmt und wir dadurch unsere kreativen Stärken ausspielen können. „Ich lasse der KI mal einen Entwurf machen, und überarbeite den dann“, das höre ich oft. Was ist da die Kreativität und was die Routine? Die schwierige Aufgabe ist der Entwurf. Die KI übernimmt das Denken. Und, wie man immer wieder in Berichten lesen kann, merken diejenigen, die auf KI vertrauen, nicht einmal, wenn diese aus erfundene Quellen zitiert.
Was häufig übersehen wird: Die generative KI liefert aufgrund ihrer Arbeitsweise – sie bildet Wortfolgen aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten – durchschnittliche Ergebnisse, die allerdings deutlich besser sein können als das, was wir selbst von uns geben würden.
Neuanfang statt Anpassung
Es gibt immer mehr Kinder mit Lese- und oder Rechtschreibschwierigkeiten. Ursachen gibt es viele: im Schulsystem und außerhalb. Die Kinder, die von zu Hause unterstütz werden, kommen noch am besten weg. Im Schulsystem, die Vorschule eingeschlossen, müsste etwas passieren. Lieber passt man sich aber an. Das Diktat als Leistungsmessung wurde abgeschafft, weil das Rechtschreibelend sonst zu deutlich zu Tage treten würde. Bayern geht mit dem Projekt, die verbundene Schrift ganz abzuschaffen, weil die Kinder als Erwachsene eh nur halbverbunden schreiben, auch in die falsche Richtung. Mit Schrecken höre ich immer wieder von Kindern, die in sogenannten bedürfnisorientierten Kindergärten wahrscheinlich nicht die Kompetenzen erwerben, die sie beim Eintritt in die Schule brauchen.
Hoffentlich ist es nicht wie beim von uns verursachten Klimawandel, wo nur noch Anpassung hilft, weil Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursache weitgehend unterblieben sind. Beim Lesen und Schreiben gibt es die Chance, bei jeder Generation wieder neu aufzusetzen. Dazu müsste bei den Verantwortlichen in den Kultusministerien und in den Ministerien, die für die Kindergärten zuständig sind, die Erkenntnis reifen, dass das jetzige Konzept für zu viele Kinder unzureichend ist. Es reicht nicht, die alten Werte „Lesen, Schreiben, Rechnen“ hochzuhalten, man baucht auch die alten Methoden: Lesen lernt man nur durch Lesen und Schreiben lernt man nur durch Schreiben.
Aber auch diese Besinnung auf die alten Tugenden bringt wenig, wenn es bei den großen Unterschieden in den Kompetenzen beim Schuleintritt bleibt. In einer Schule in NRW läuft ein erfolgversprechender Test unter der Bezeichnung „Minischule“. Die Kinder sollen dort bis dahin fehlende Basiskompetenzen wie einen Stift zu halten, Farben zu erkennen oder sich zu konzentrieren, erwerben. Außerdem, so ein Bericht im ZDF, sollen 150 Schulen deutschlandweit an einem Projekt „Klasse 0“ teilnehmen. Die NRW-Bildungsministerin bringt ABC-Klassen, auch eine Art Vorschule, ins Gespräch.
Wie man das Kind auch nennt, es entsteht ein bisschen Hoffnung. Es bleibt aber abzuwarten, welche Priorität die Politik diesen Projekten tatsächlich geben wird.
Alle guten Rechtschreibern wünsche ich Durchhaltevermögen!
Juli 2026 – Siegbert Rudolph
ZDF: Bildung: Kann die „Minischule“ gegen die Kompetenzspanne helfen?
Günther Thomé – DEUTSCHE ORTHOGRAPHIE – HISTORISCH, SYSTEMATISCH, DIDAKTISCH
Mein Leserbrief, abgedruckt in der FN vom 9. Juli 2026 auf Seite 12:
Carolin Heilig kann ich nur zustimmen. Aber weil es immer mehr Menschen mit der Ansicht von Maleen Engel gibt, geht die Talfahrt weiter. Wenn jeder schreibt, wie er will, sind wir schnell wieder im Mittelalter. Ich lernte bis zu meiner Beschäftigung mit der Rechtschreibförderung fast keine Rechtschreibregel und war trotzdem ein sicherer Rechtschreiber. Meine Generation durfte die Schriftsprache genauso lernen wie das Sprechen, nämlich durch Erfahrung und ständige Anpassung an die Regeln, die man nach und nach automatisch beherrschte. Heute wird in der Grundschule neunmal weniger geschrieben als zu meiner Zeit, und es wird nicht mehr mit der fürs Lernen optimalen Schreibschrift begonnen. Rechtschreibung und Grammatik hängen zusammen. Wollen wir wirklich für die Nutzung des „Werkzeugs“ Sprache auf das Werkzeug KI angewiesen sein?

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!