
Textverständnis effektiv üben
„Sag mal, was haben wir denn gerade gelesen?“ Diese Frage stelle ich meinen Schülern oft. Gerade bei ungewöhnlichen Wörtern oder komplizierten Satzkonstruktionen ist die Frage angebracht. In vielen Übungstexten gibt es zum Schluss Fragen. Oft wird dabei aber nur geprüft, ob einzelne Fakten aus dem Text erinnert werden.
Wenn man mit Kindern längere Zeit übt, weiß man sehr gut, was sie verstehen können und was nicht. Es geht da zum einen um die Art der Formulierung, aber meist um den Wortschatz. Wichtig ist es, unbekannte Wörter zu erklären. Aber, was für die Kinder unverständlich ist, das ist höchst unterschiedlich. Vor ein paar Tagen war ich überrascht, als ein Kind mit dem Wort „quasseln“ nichts anfangen konnte. Die Frage nach der Bedeutung von Wörtern ist für jeden Lesetrainer eine gute Möglichkeit, mit den Leseschülern ins Gespräch zu kommen und sie noch besser kennenzulernen. Schwache Leser lesen wenig, und da Lesen das Wortwissen vergrößert, fehlt ihnen eine wichtige Wortschatzquelle.
Wortwissen erleichtert das Lesen und das Textverständnis
Wörter, deren Bedeutung man kennt, sind leichter zu lesen als unbekannte Begriffe. Dazu gibt es ein schönes Beispiel von Maryanne Wolf in dem Buch „Das lesende Gehirn“. Als Leseförderungsanfänger war das meine erste Fachlektüre, die ich regelrecht verschlungen habe. Die Autorin fordert ihre Leser auf, folgende Begriffe laut zu lesen:
„Periventrikuläre moduläre Heterotopie, Psychiatrie, fiduziarisch, Mikrospektroskopie.“
Sie sagt dazu: „Wie schnell Sie die einzelnen Wörter lesen, hängt nicht nur von Ihrem ‚Decodiervermögen‘ ab, sondern auch von Ihrem Hintergrundwissen.“ Bei vielen Leseschülern verstärkt der geringe Wortschatz die Leseschwierigkeiten. Dass immer weniger vorgelesen wird, ist eine der Ursachen dieses Problems.
Übrigens: Einen Satz im Buch von Maryanne Wolf habe ich als Bestätigung empfunden, auch in sehr schwierigen Fällen das Lesetraining mit Zuversicht zu beginnen: „Der Aufbau des Gehirns machte Lesen möglich, und Lesen wiederum verändert das Gehirn nach wie vor auf vielfältige, entscheidende Weise.“ Das heißt für mich, dass eine diagnostizierte Lesestörung kein abschließender Befund über die Lesefertigkeit ist.
Gezielt üben
Textverständnis kann man auch gezielt mit speziellen Übungen trainieren. Zwei Übungstypen mit meinen neuen Online-Übungstools stehen jetzt zur Verfügung:
- Zwei Zeilen zusammenführen
- Zeilen zu Texten oder Witzen sortieren
Wichtig ist es dabei, die Schüler nicht zu überfordern.
Zwei Zeilen zusammenführen
Dabei geht es darum, zu einer Zeile aus einer Auswahl von meist 5 oder 6 Zeilen die passende herauszufinden. Die Zeilen enthalten entweder Halbsätze oder ganze Sätze. Die Übungen sind so gegliedert, dass für fünf oder sechs Aufgaben die Auswahlzeilen gleich sind. Sie werden aber bei jeder Aufgabe in unterschiedlicher Reihenfolge angeboten, damit die Schüler auch tatsächlich die Texte erkennen müssen und sich nicht an der Reihenfolge der Zeilen orientieren können. Ich arbeite mit vielen solchen Wiederholungen, denn Wiederholungen geben Sicherheit. Damit erhöhen die Textverständnis-Übungen gleichzeitig die Lesesicherheit.
Ich habe im Menü Texte/Textverständnis jeweils aus dem Wortschatz der Klasse 2 und aus dem Wortschatz der Klasse 3/4 Aufgaben entwickelt.

Bild: Auszug Textverständnis Klasse 2 01 und Klassen 3/4 01
Für jede Übung gibt es auch eine Druckversion. In der Abbildung sieht man den Wiederholungseffekt bei den Auswahltexten.

Mit diesen Aufgaben übe ich das Lesen und das Textverständnis in einem Rutsch. Die Kinder müssen Zusammenhänge erkennen (lernen).
Ich empfehle wegen des Wiederholungseffektes bei den Lösungen immer einen Block (in der Abbildung oben 6 Aufgaben) komplett zu bearbeiten.
Zeilen in die richtige Reihenfolge bringen
Diese Übungsart ist etwas anspruchsvoller. Es ist herauszufinden, in welcher Reihenfolge die Zeilen einer Aufgabe einen Sinn ergeben. Im Menü Texte/Textverständnis haben die Aufgaben 6 bis 10 Zeilen. Beispiel:

Bild: Auszug aus 8 und 9 Zeilen zu Witzen ordnen
Klick auf Reset erzeugt eine Neusortierung. Bei der Einstellung Leicht sieht man sofort, ob eine Zeile auf dem richtigen Platz ist. Bei der Einstellung Schwer wird bei Klick auf Auswerten angezeigt, wie viele Zeilen richtig platziert sind, aber nicht welche. Bei Mittel wird bei Klick auf Auswerten auch angezeigt, welche Zeilen passen.
Von Anfang an das Textverständnis üben
Tatsächlich mache ich auch mit noch recht schwachen Schülern Übungen zum Textverständnis. Dafür gibt es einen eigenen Menüpunkt: Am Anfang/Textverständnis.
Gerade die Aufgaben, bei denen Zeilen zusammengeführt werden müssen, versprechen Erfolgserlebnisse. Und darauf kommt es an! Die Übungen in diesem Menü können gedruckt und auch in anderen Schriftarten, gemacht werden:


Bild: Auszug: Zeilen zusammenführen – leicht 03 links Option Standard, rechts Option Grundschrift
Hier die Druckversion in Grundschrift:

Die Aufgaben, bei denen Zeilen in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen, haben in diesem Menü nur 4 oder 5 Zeilen. Beispiel:

Bild: Auszug Textverständnis leicht, 4 Zeilen zu Witzen ordnen
Bei noch schwachen Schülern lasse ich den Witz noch einmal in der richtigen Reihenfolge (möglichst flott) lesen oder mache eine Wiederholung mit anderer Reihenfolge mit Klick auf Reset.
Außerdem gibt es in diesem Menü weitere Übungsmöglichkeiten zum Textverständnis. Zum Beispiel Leserätsel, Aufgaben mit Sprachlogik und Fragen zu Bildern (Was siehst du?).
Weitere Möglichkeiten
Fragen, fragen, fragen! Das geht immer. Ich bitte meine Schüler manchmal um eine kurze, mündliche Zusammenfassung des gelesenen Textes. Auch daraus kann sich ein interessantes Gespräch entwickeln, das dem Schüler weiterhilft.
In vielen Übungen habe ich die Aufgabe „Welches Wort passt nicht in die Reihe“ eingebaut. Zu Wörtern, die im Übungstext vorkommen, werden Synonyme und ein unpassendes Wort aufgelistet. Beispiel:

Bild: Auszug aus der Übung „Vier Witze 28 Autofahren“
Sowieso wichtig: genau lesen, nicht raten
Wenn der Text nicht verstanden wird, sind manchmal auch Ungenauigkeiten beim Lesen die Ursache. Ich lasse meist auch Lesefehler, die den Sinn des Textes nicht verändern, nicht unkorrigiert. Manchmal greife ich aber erst am Ende des Satzes ein. Wenn Schlüsselwörter im Text falsch gelesen werden, zieht das meist weitere Lesefehler nach sich. Das Gehirn ist dann quasi falsch vorprogrammiert. Zumindest am Anfang des Leselernprozesses ist den Kindern bewusst, dass sie raten. Ich emuntere sie, dann einfach das Wort oder den Satz neu zu beginnen und nicht einfach weiterzumachen. Langsam und richtig zu lesen, ist besser als schnell und ungenau. Die Geschwindigkeit kommt mit der Zeit von selbst.
Flott lesen, aber nichts verstehen
Bei meiner Leseförderung kann ich mich nur an einen Schüler erinnern, der einigermaßen flüssig lasen konnte, aber das Gelesen überhaupt nicht verstand. Das war ein Migrantenkind. Da fehlte einfach die Kenntnis unserer Sprache. Ich habe versucht, in einem Dialog über das Gelesene bei den Textverständnis-Übungen den Wortschatz des Schülers zu erweitern und habe außerdem ein Bildwörterbuch eingesetzt.
Übungen individuell gestalten
Einige meiner Online-Übungstools können individuell angepasst werden. Man klickt auf „Bearbeiten“ und schaut, was im Eingabefeld steht. Wichtig sind die Sonderzeichen zur Kennzeichnung bestimmter Textstellen. Die Sonderzeichen sehen Sie auch, wenn Sie auf das „Fragezeichen“ klicken.
Hier können Sie die individuelle Eingabemöglichkeiten, die zu diesem Artikel passen, ausprobieren.
Die individuelle Übung steht nur während einer Anschaltung zur Verfügung. Ich überlege, eine Möglichkeit zu schaffen, individuelle Übungen auch speichern zu können.
Ich wünsche viel Erfolg bei der Leseförderung!
Juni 2026 – Siegbert Rudolph
Links:
Maryanne Wolf, Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2009
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Lesen erweitert den Wortschatz. Und ein breiter Wortschatz macht das Lesen leichter.
Beim Lesen deines Artikels kam mir ein weiterer Gedanke: Denn für Nacherzählungen, Inhaltszusammenfassungen oder Textanalysen braucht es die Fähigkeit, das Geschehene mit eigenen Worten wiederzugeben. Berichte und Sachtexte erfordern zudem noch eine Unterscheidung zwischen Umgangssprache und Schriftsprache.
Womit sich der Kreis für mich schließt, dass der flächendeckend zum Einsatz kommende Notenschutz und Nachteilsausgleich zwar das Symptom lindert, aber die Lösung nur in einer frühzeitigen Förderung der Lesekompetenzen der Kinder liegen kann.
Ja, je früher die Kinder gefördert werden, desto effizienter und effektiver ist es.