Oma Grete erzählt
Kindheitserinnerungen aus der Nachkriegszeit
von Grete Gringmuth

Im Video liest Oma Grete selbst vor.
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Kapitel 01 Zunächst einmal
Diese Zeilen widme ich meinen Söhnen, Schwiegertöchtern und insbesondere meinen Enkeln Leo und Anton. Mein Bekannter Siegbert Rudolph bekam die Geschichte in die Hände. Er fragte mich, ob wir zusammen ein Lese-Hörbuch daraus machen könnten. Damit können meine Erinnerungen vielen jungen Menschen zeigen, wie es früher war. Meine Geschichte hilft dabei, die Lesefertigkeit zu verbessern.
Niemand weiß, wie lange ich etwas erzählen kann. Irgendwann kann man auch nicht mehr fragen.
Zur Abwechslung streue ich zwischen die Kapitel ein paar meiner alten Kochrezepte ein. Die stammen zum Teil noch von meiner Großmutter.
Wie war das eigentlich?
"Oma Grete, warst du auch im Kindergarten?" "Oma, hattest du auch so ein Hochbett wie ich?" "Oma Grete, was hast du am liebsten gegessen?"
Meine beiden Enkel Leo und Anton sind sehr wissbegierig. Manchmal komme ich über der Antwort selbst ins Grübeln: Ja, wie war das eigentlich?
Gerne möchte ich euch von dem Leben während und nach dem Krieg berichten. Ich möchte euch erzählen, wie wir lebten. Auch wie wir ohne elektrische Haushaltsgeräte zurechtkamen.
Auch früher gab es Unterschiede zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land.
Besonders beschwerlich war jedoch die Arbeit ohne technische Hilfsmittel. Schlimm waren auch die gähnende Leere in den Geschäften, und der ständige Hunger. Demgegenüber stand der Einfallsreichtum,
wie man einen Mangel beheben konnte. Ja, Not macht erfinderisch!
Kapitel 02 Wo mein Leben begann
Geboren bin ich im Jahre 1939, zu Beginn eines großen Krieges. Aufgewachsen bin ich in Sigmaringen. Diese kleine Stadt war damals noch die Hauptstadt des Landes Hohenzollern. Mitten in der Stadt
steht auch heute noch ein sehr eindrucksvolles Schloss. Es steht auf einem Felsen hoch über der Donau und über der Stadt. Hier residierte der Landesherr, Fürst Friedrich von Hohenzollern, mit seiner Familie.
Jeder Handwerker, der das Schloss belieferte, durfte sich Hoflieferant nennen. Es gab z. B. eine Hofbäckerei, eine Hofmetzgerei, einen Hofbüchsenmacher. Als kleines Mädchen verband ich das Wort "Büchsen" mit Konservendosen. Daher wunderte ich mich immer über den hohen Bedarf im Schloss!
Wenn wir Kinder zufällig dem Fürsten mit seinen drei Windspielen begegneten, waren wir ganz aufgeregt und erzählten das allen Freunden.
Sigmaringen liegt am Rande der Schwäbischen Alb. Es liegt im bekannten, romantischen Donautal mit viel Wald und Felsen. Das waren auch unsere natürlichen Spielplätze: Wald und Felsen.
Später, nämlich 1952, wurden die Bundesländer Württemberg, Baden und Hohenzollern zusammengefasst. Es entstand der sogenannte Südweststaat, das heutige Land Baden-Württemberg. Damit verloren das kleine Land und seine kleine Landeshauptstadt ihre Bedeutung.
Kapitel 03 Erste Erinnerungen
Meine persönlichen Erinnerungen beginnen im Alter von vier Jahren, also 1944, mitten im Krieg.
Wir Kinder mussten bei Fliegeralarm mit der Familie in den Bunker. Zum Glück fielen in Sigmaringen keine Bomben.
Neues Spielzeug gab es nicht zu kaufen. Es gab bestenfalls Erbstücke von den Verwandten. Vor allem gab es nie genug zu essen. Unsere Mütter lebten von der Hand in den Mund. Dennoch waren wir meist guter Dinge. Wir vermissten nichts, denn wir kannten es ja nicht anders.
Mein Vater Fritz Pulvermüller war schon in den ersten Wochen des Krieges gefallen. Ich habe ihn also leider nie kennengelernt. Er soll fröhlich, unkompliziert und sehr kinderlieb gewesen sein.
Die meisten von uns Kindern kannten keinen Vater. Der war entweder gefallen oder in Gefangenschaft. Dass allein die Mutter das Sagen hatte, war für uns der Normalzustand. Bei manchen Familien gab es
große Schwierigkeiten, wenn der Vater heimkehrte. Nach langer Gefangenschaft war er oft krank, kriegsbeschädigt oder psychisch verstört.
Die meisten von uns waren "Schlüsselkinder". Wir trugen nämlich den Wohnungsschlüssel mit einer Schnur am Hals, da die Mutter arbeiten musste.
Dadurch wuchsen wir relativ selbstständig auf. Wir lernten frühzeitig, unsere kleinen Streitigkeiten ohne Hilfe zu lösen.
Wenn wir uns über die Lehrer zuhause beklagten, dann hieß es ohnehin: "Wahrscheinlich warst du nicht brav, also hast du die Strafarbeit verdient."
Kapitel 04 Hunger oder Kälte - was ist schlimmer?
Nie satt zu werden, ist hart und tut weh. Aber ohne einen warmen Herd kann man auch keine warme Mahlzeit herstellen.
Also mussten wir zunächst Brennmaterial organisieren.
Pro Haushalt erhielten wir einen Zuteilungsschein für Tannen- und Buchenholz. Das lagerte zunächst noch in 2 m langen Stücken im Wald.
Es musste mit einem Leiterwagen geholt werden. Eine schwierige Fracht, vor allem bergab! Um die schwere Last zu bremsen, steckte meine Mutter einen langen Ast quer durch die hinteren Räder. Dann konnten diese sich nicht drehen.
Anschließend kamen zwei kräftige Männer mit einer motorbetriebenen Hack- und Sägemaschine vor das Haus. Die begannen erst zu arbeiten, wenn ein paar Flaschen Bier bereit standen. Zu meinem Entsetzen fehlten diesen Leuten fast immer ein oder zwei Finger! Mit ungeheurem Getöse zersägten diese Männer unsere Stämme in kurze Stücke. Sie spalteten sie in handliche Holzscheite. Schließlich lag
ein großer Berg Holz vor der Tür. Den mussten wir dann an einer geschützten Wand aufschichten.
Kapitel 05 Feuer machen - eine wichtige Arbeit
Feuer anmachen war eine komplizierte Handlung: Zuerst steckte Mama zerknülltes Papier, auch Rinde oder Tannenzapfen, in den Herd und zündete das an. Sobald alles gut brannte, kamen kleinere Scheite aus Tanne dazu. Schließlich gab man dicke Buchenscheite hinein, die sehr langsam verbrannten. Sofern Kohle vorhanden war, konnte man nun mit Eierkohlen oder Briketts, das ist gepresste Steinkohle,
die Wärme lange genießen.
Ohne Kohle mussten wir das Feuer ständig beobachten und bei Bedarf Holz nachlegen.
Da Heizmaterial generell knapp war, wurde meist nur der Küchenherd beheizt. Dadurch war es wenigstens in der Küche immer mollig warm. Hier spielte sich das Familienleben ab. In dieser Zeit entstand der Begriff der "Wohnküche". Das war eine Küche mit großem Tisch, Eckbank und Stühlen. Hier wurde gegessen, gelesen, Radio gehört, Hausaufgabe gemacht und gespielt.
Das Wohnzimmer wurde nur an Weihnachten oder besonderen Feiertagen beheizt und benutzt.
Eine sehr einfache Art der Energiebremse kennt ihr heute gar nicht mehr: In der kalten Jahreszeit hängte man zusätzliche "Winterfenster" von außen vor die richtigen Fenster. Zwischen diesen Fensterscheiben konnte man Lebensmittel parken, denn da blieb alles schön kühl.
Kapitel 06 Mit Kartoffeln ins Theater
In Sigmaringen gab es das "Hohenzollerische Landestheater". Hier wurden Klassiker, Komödien und für Kinder gelegentlich Märchen aufgeführt. Einige der Schauspieler wohnten bei uns zur Untermiete.
Manche wurden später sehr bekannt, z.B. Gustl Bayrhammer, der „Meister Eder“.
Bis zur Währungsreform 1948 musste jeder Theaterbesucher mit der Eintrittskarte ein Brikett oder ein paar Kartoffeln mitbringen.
Die Schauspieler hätten sonst im eiskalten Theater nicht auftreten können. Und auch die Zuschauer hätten jämmerlich gefroren. Beim Schlussapplaus wurden oft belegte Brote, einmal sogar eine warme Suppe, auf die Bühne gebracht.
Gebrannte Grießsuppe
50 g Grieß werden mit Fett im Topf mittelbraun angeröstet. Dann wird mit Fleischbrühe abgelöscht - fertig. Meine Kinder liebten diese sogenannte "Krankensuppe".
Kapitel 07 Kochen und backen
Das wichtigste Objekt in der Küche war ein mit Holz und Kohle beheizter Herd. Oben befanden sich drei Kochstellen. Mit Hilfe von abnehmbaren eisernen Ringen konnte man diese vergrößern oder verkleinern. Wurden die Ringe entfernt, stand der Topf direkt über dem Feuer. Daneben eingelassen war ein großer Wasserbehälter, wegen seiner ovalen Form auch Schiff genannt. Dadurch hatte die Hausfrau immer heißes Wasser zur Verfügung. Unten in der Röhre konnte man Kuchen backen. Diese Röhre befand sich nicht über, sondern neben der Feuerstelle. Daher musste man den Kuchen
beim Backen öfters drehen. Trotzdem geriet er häufig etwas schief. Eine Seite war hoch und durchgebacken, die andere Seite etwas "speckig".
Man konnte die Kuchen auch zum Bäcker bringen und dort backen lassen. Der Transport des noch ungebackenen Teiges war jedoch mühsam.
Einen Kühlschrank hatten wir nicht. Den konnte man erst nach der Währungsreform 1948 kaufen.
Und auch da dauerte es noch lange, bis wir genügend Geld dafür hatten. Bis dahin wurden unsere Lebensmittel im Keller gekühlt oder schnell verbraucht. Milch wurde täglich frisch mit einer Kanne geholt
und sofort abgekocht.
Mit dem Essen richteten wir uns nach den Jahreszeiten: im Sommer viel Salat und Gemüse, im Herbst Süßspeisen wie Zwetschgenknödel oder Grießbrei mit Apfelmus. Im Winter und im Frühling verwendete man alles, was man trocknen oder lagern konnte.
Ganz beliebt war auch gedörrtes Obst, zum Beispiel Apfelringe, Birnen oder Backpflaumen.
Bohnen und Obst wurden eingeweckt. Das heißt, es wurde in Weckgläsern (benannt nach der Firma Weck) eingekocht und haltbar gemacht. Sogar Eier konnte man einlegen. Man legte sie in eine glibberige Flüssigkeit, dem sogenannten "Wasserglas". Sie hielten sich einige Monate. Dann waren sie aber nur noch zum Backen und zum Kochen geeignet.
Arme Ritter
Wir Kinder kannten weder Bananen noch Orangen, erst recht keine Schokolade. Da uns dies alles nicht bekannt war, vermissten wir es nicht. Vielmehr testeten wir ewig Hungrigen alles auf Essbarkeit: Gänseblümchen, halbreifes Obst, Beeren, Sauerampfer, Taubnessel und, und, und.
Abenteuerlich waren während und nach dem Krieg die Kuchenrezepte. Es gab kein Fett, keinen Zucker, kein Weizenmehl, keinen Kakao, keine Gewürze.
Also wurde mit Kaffeesatz, Rübensirup und Roggenmehl gebacken. Die Schauspieler, welche bei uns wohnten, experimentierten gerne. Zusammen mit meiner Mama versuchten sie sich erfolgreich mit allerlei
mühsam gehorteten Resten.
Ein Beispiel: "Arme Ritter" im Sparmodus:
Schwarzbrot in einer Teighülle aus dunklem Mehl und Wasser wird im Wasser gekocht. Fett zum Backen gab es ja nicht. Dazu gab es Apfelmus aus Fallobst. Alles wurde aufgegessen und es schmeckte uns!
Zum Vergleich hier das Originalrezept, Arme Ritter (auch Kartäuser Klöße genannt):
6 bis 8 alte Semmeln werden durchgeschnitten. Dann werden sie in einer Mischung aus Milch, Zucker und Eigelb eingeweicht. Sie werden in Eiweiß und Semmelbrösel gewälzt und in der Pfanne goldbraun gebacken. Nach Belieben mit Zimtzucker bestreuen und mit einer süßen Soße servieren.
Kapitel 08 Kleidung, hergestellt in Handarbeit
Na ja, natürlich wuchsen wir genau so schnell wie Ihr heute. Aber es gab keine neuen Kleider. Hosen und Röcke wurden vererbt, geändert, gewendet, verlängert. Wichtig waren die Hausschneiderinnen. Die kamen für einen Tag ins Haus. Sie flickten Tischtücher und Bettlaken und säumten Röcke neu. Sie ersetzten durchgewetzte Hemdkrägen durch einen Stoff, welcher vom selben Hemd unten abgeschnitten wurde. Dafür erhielten sie einen geringen Lohn
und nahmen an den Mahlzeiten teil.
Bei meinen Großeltern in Stuttgart trennte die Schneiderin meistens einen Anzug vom Opa auf. Daraus nähte sie ein Kostüm für mich. Das war stets dunkelblau mit Nadelstreifen, denn der Opa war Direktor in einem Verlag. Meine Mutter fand diese Kostümchen etwas streng. Sie setzte sich hin, ribbelte mehrere alte Pullover auf und strickte daraus hübsche bunte Pullis für mich. Auch Tante Emma in Rietenau fand diese Bekleidung nicht passend für ein wildes, kleines Mädchen. Sie verhalf mir dann zu lustigen Blusen oder Kleidern mit Blumen und Herzen. Dazu wurden ältere Kleider meiner Cousine Irmgard aufgetrennt und verwendet.
Ein unangenehmes Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben: Mama hatte irgendwo einen schönen, hellen Wollstoff aufgetrieben. Daraus ließ sie mir einen Wintermantel nähen. Sie war glücklich, dass ich den kommenden Winter gut verpackt überstehen würde.
Die Winter nach dem Krieg waren nämlich furchtbar kalt. Aber Heizmaterial war rationiert und kaum zu bekommen. Eines Tages entdeckte ich auf dem Heimweg einen Kohlenhaufen. Er war wohl gerade geliefert und noch nicht in den Keller geschaufelt worden.
Kurz entschlossen packte ich mit beiden Händen so viel Kohlen wie möglich. Ich füllte meinen Schulranzen, die Manteltaschen, die Kapuze und zog stolz und glücklich heim. Ich war sicher, Mama würde begeistert sein. Als diese mich jedoch sah, war ich ringsum schwarz und dreckig. Der neue Mantel war total verdorben. Da gab es einen gewaltigen Ärger. So kann man sich täuschen als Kind!
Kapitel 09 Kleidung, Hauptsache warm und praktisch
Die Kleidermode ließ im Gegensatz zu heute sehr zu wünschen übrig. Sowohl Mädchen als auch Buben trugen Leibchen: Eine Art Mieder aus festem Stoff, daran wurden mit Knöpfen Strapse befestigt. Diese dienten als Halterung für abscheuliche, graubraune lange Strümpfe. Bei den Mädchen verschwand diese Sache unter dem Rock. Bei den kurzen Hosen der Buben blitzte manchmal der Straps heraus. Das brachte uns Mädchen dann zum Kichern. Mädchen trugen keine langen Hosen. Nur zum Sport waren blaue Trainingshosen ohne Passform erlaubt.
Nach der vierten Klasse besuchte ich ein von Nonnen geleitetes Lyzeum. Hier waren Hosen ohnehin verboten.
In einem sehr kalten Winter protestierten die Mütter, weil die Kinder reihenweise erkrankten. Darauf wurde uns genehmigt, Trainingshosen anzuziehen, sofern ein Rock darüber getragen würde.
Ältere Pullover wurden niemals weggeworfen, wenn sie zu klein waren. Sie wurden aufgeribbelt. Die Wolle wurde vorsichtig gewaschen und zum Trocknen über ein Brett gewickelt, damit sie glatt wurde. Dann konnte man wieder etwas stricken. Ein neuer Pullover benötigte stets mehr Wolle als vorhanden. Daher mischte man verschiedene Wollreste zu neuen Kreationen. Meine Mutter war eine echte Strickkünstlerin in Bezug auf Farben, Formen und Muster.
Gelegentlich kam auch Kleidung mit den Carepaketen aus Amerika. Darin waren neben Schokolade und Milchpulver auch ganz moderne Röcke und Kleider.
Es war unser erster Kontakt mit Kunstfasertextilien. Beim Gehen raschelte der Stoff, und das fand ich toll!
Für die Erwachsenen gab es nach der Währungsreform hauchdünne Strümpfe aus Nylon, hinten mit einer Naht. Diese Naht musste unbedingt schön gerade sitzen. Die Nylonstrümpfe waren anfangs sehr teuer. Wenn durch Unachtsamkeit eine Laufmasche entstanden war, konnte man sie sogar zur Reparatur bringen.
Scheiterhaufen
Mein nächstes Gericht, der Scheiterhaufen, ist süß, preiswert und schmeckt allen Kindern. Im Schwäbischen heißt er Ofenschlupfer.
Rezept:
6-8 alte, geschnittene Semmeln, 500g fein geschnittene Äpfel, Rosinen (wenn man sie mag), ein halber Liter Milch, drei Eier, Zucker, Vanillezucker.
Semmeln und Äpfel werden zusammen mit den Rosinen in eine gefettete Auflaufform geschichtet. Die Milch-Zucker-Eiermischung wird darüber gegossen.
Der Auflauf wird im Rohr bei Mittelhitze etwa 45 Minuten gebacken. Dazu gibt es Vanillesoße.
Kapitel 10 Die gute alte Schule
Im Herbst 1945 wurde ich eingeschult. So kurz nach dem Krieg konnten wir nicht einfach in ein Geschäft gehen und einen Schulranzen aussuchen. Man behalf sich mit vererbten Ranzen, aber auch mit Taschen, Beuteln oder Rucksäcken. Ich übernahm von einem Cousin einen Ranzen aus Rindsleder. An dem hatte ich sehr zu schleppen. In den ersten beiden Schuljahren gab es noch keine Hefte. Man benützte eine Schiefertafel, und Griffel aus Schiefer, die beim Schreiben quietschten. Außerdem hatte ich einen hölzernen Griffelkasten, eine Dose mit einem feuchten Schwamm und einen Lappen zum Trockenreiben der Tafel.
Gemischte Klassen waren in Sigmaringen nicht üblich. Buben und Mädchen wurden in getrennten Klassen unterrichtet. Ich kam mit 56 Mädchen in eine Klasse unter dem strengen Regiment von Frau Frick. Wir saßen in Zweierreihen hintereinander und mussten uns per Handhochhalten melden.
Unsere Frau Frick war streng, aber gerecht, und sie schlug uns niemals. Ihre einzige Strafe war "In-der-Ecke-stehen". In anderen Klassen hörte man oft von schriftlichen Strafarbeiten, Hieben mit dünnen Gerten, und Bloßstellung.
Letzteres passierte mir in der Handarbeitsstunde ein einziges Mal. Da ich beim Stricken nur ganz fürchterliche Dinge erzeugte, musste ich mich auf einen Stuhl stellen. Die Handarbeitslehrerin rief in die Klasse: "Ist dieses Kind in allen Fächern so blöd wie bei mir?" Das kann ich ihr bis heute nicht vergessen. Im Übrigen wechselte ich nach 4 Jahren in eine Mädchenschule mit dem Ziel der "Mittleren Reife".
Dort lernte ich nicht nur Englisch und Französisch. Ich entwickelte auch recht annehmbare Fähigkeiten im Fach Handarbeit!
Kapitel 11 Lehrermangel
Nach dem Krieg herrschte ein akuter Lehrermangel. Der Lehrkörper bestand einerseits aus älteren und nervenschwachen Lehrern. Zum anderen gab es sogenannte Hilfslehrer. Das waren Personen ohne entsprechende Ausbildung, die sich diesen riesigen Klassen gegenüber sahen. Meistens wussten sie sich nur durch schriftliche und körperliche Strafen durchzusetzen! Prügelstrafen waren ja noch erlaubt und durchaus üblich.
Der Winter 1946-47 war besonders hart und schneereich. Es fehlte an allem. Holz und Kohlen waren sehr knapp. Lebensmittel gab es nur auf Lebensmittelkarten: 20 Gramm Fett pro Tag, ¼ Liter Milch pro Kind. Die Bevölkerung hungerte und fror. In jenem kalten Winter sind leider viele Menschen
verhungert und erfroren. Auf dem Land hatte man durch die Gemüsegärten und die Felder noch etwas mehr zu essen. Das Holz aus dem eigenen Wald sicherte immer eine warme Stube. Daher schickte mich meine Mutter während der zweiten Klasse zur Oma nach Rietenau.
Hier besuchte ich eine zweiklassige, typische Dorfschule. Zwei Lehrer teilten sich die Klassen 1 bis 4 und die Klassen 5 bis 8. Wir jüngeren Schüler zwischen 6 und 12 Jahren, lernten zusammen in einem Klassenzimmer. Manche Flüchtlingskinder mussten, wegen der fluchtbedingten Mängel, eine Klasse wiederholen. Manche waren auch durch ihre furchtbaren Erlebnisse psychisch gestört und konnten sich nicht konzentrieren. Das war eine gewaltige Herausforderung für den armen Lehrer! Er musste die Kleinen beschäftigen, während er den Großen etwas Wissen vermittelte. Und umgekehrt war es genau so. Außerdem musste er zwischen den einheimischen und den zugezogenen Kindern vermitteln. Die „Neuen“ sprachen ja einen anderen Dialekt. Sie hatten auch andere Essgewohnheiten. Viele von ihnen waren katholisch. In diesem kleinen evangelischen Dorf war das ganz unbekannt. Eine Schülerin wurde sogar einmal aufgefordert: "Schwätz mal katholisch!"
Kapitel 12 Bei der Oma auf dem Land
Die Oma war eine einfache Frau mit ein paar Äckern und Wiesen. Sie besaß vier Kühe, ein Schwein, ein paar Kaninchen und viele Hühner. Bei ihr gab es eine einfache Kost, zum Beispiel Kartoffeln mit selbstgemachtem Quark, dem sogenannten "Luggeleskäs". Oft kochte sie Brotsuppe, sonntags auch mal einen Hasenbraten.
Vor allem liebte ich ihr selbstgebackenes Brot aus dem Dorfbackofen. Dabei habe ich mir einmal etwas Dummes geleistet: Die rohen Teiglaibe wurden mit einem Hölzchen durch ein Muster gekennzeichnet. Man stach in den Teig kleine Löcher, um nach dem Backen sein eigenes Brot zu finden. Da dachte ich mir: Es wäre doch praktisch, wenn wir fertige Marmeladebrote hätten. Und ich füllte alle Löcher mit Marmelade auf. Meine Tante Emma aber fand das gar nicht gut. Sie wurde heftig und schrie: "Mach bloß, dass d' weiter kommscht und lass dich ja nemme blicka!!" (Zu deutsch: Mach bloß, dass du eiterkommst,
und lass dich ja nicht mehr blicken!) Zu meinem Glück hielt ihr Zorn nur einen Tag an!
Kapitel 13 Hamstern
Im Gegensatz zur Stadt wurden wir im Dorf immer satt. Hin und wieder wurde heimlich gebuttert. Oma stellte dabei aus dem Rahm der Kuhmilch mit einem Butterfässle frische Butter her. Das war nicht erlaubt. Daher musste einer aus der Familie an der Haustür bleiben und pfeifen, wenn Besuch kam.
Die offiziell erlaubten Portionen laut Lebensmittelkarte reichten natürlich niemandem. Am Wochenende kam immer ein Strom von Städtern. Diese versuchten mit Tauschobjekten zusätzliche Nahrung zu ergattern. Sie brachten Ölbilder, Schmuck und Wäsche im Tausch gegen Kartoffeln, Äpfel und Mehl. Das nannte man "Hamstern fahren".
Wie überall wurde auch in Rietenau gelegentlich "schwarz" geschlachtet. Das war nicht genehmigt, konnte aber auch nicht ganz verheimlicht werden. Also bekamen alle Nachbarn etwas Metzelsuppe und Blutwurst. Sie hielten den Mund und waren zufrieden.
Hefezopf
Was mir bei meiner Oma am besten schmeckte, war der Hefezopf!
Für ein großes Exemplar braucht man: 1 Kilo Mehl und 1 Würfel Hefe, 150 Gramm Zucker, 150 Gramm Butter, 2 Eier, ½ Liter Milch, 100 Gramm Rosinen, zum Bestreuen Hagelzucker oder Mandelblättchen.
Das Mehl in eine Schüssel geben. In der Mitte eine Mulde machen. Mit Hefe, etwas Zucker und warmer Milch einen Vorteig anrühren und gehen lassen. Dann mit dem Rest der Zutaten die ganze Menge so lange verkneten, bis ein glatter Teig entstanden ist. Der Teig muss jetzt so lange gehen, bis er doppelt so groß ist. Nun kann man ihn zu einem Zopf flechten. Auf dem Blech noch einmal gehen lassen. Mit Eigelb bestreichen und mit Hagelzucker oder Mandeln bestreuen.
Backen bei 175° etwa ½ Stunde.
Achtung: Hefeteig braucht Zeit, wenn er locker werden soll!
Wenn ihr genau auf das Foto seht, erkennt ihr den großen Hefekranz auf dem Tisch!

Die Aufnahme ist von Weihnachten 1916. Links seht ihr meine Großeltern Friedrich und Karoline. Daneben sitzt Sohn Max mit dem kleinen Fritz auf dem Schoß. Fritz ist mein Papa. Im Hintergrund steht Sohn Ernst als Soldat auf Heimaturlaub.
Kapitel 14 Badetag
Heute ist es schwer vorstellbar: Viele Familien hatten nach dem Krieg noch kein Bad. Man wusch sich mit kaltem Wasser am Wasserhahn in der Küche. Nur zum Zähneputzen gab es einen Becher voll mit warmem Wasser. Die Toilette befand sich bei manchen Gebäuden zwischen zwei Wohnungen. Bei "eiligen Geschäften" mussten wir manches Mal rennen!
Am Samstagabend wurde die Waschküche im Keller zum Bad vorbereitet. Wir hängten die Kellerfenster zu, damit keiner gucken konnte. Der große Wasserkessel wurde angeheizt. Dann füllte meine Mutter das heiße Wasser in eine große Zinkbadewanne. Ich durfte hineinsteigen und die Wärme genießen. Meine Mutter wusch mir die Haare und schrubbte mich gründlich ab. Sie selbst badete erst nach mir.
Bei meiner Freundin Brigitte musste eine Wannenfüllung für alle reichen. Sie hatte noch 3 Brüder!
Wir gönnten uns immerhin den Luxus, für jeden das Wasser zu wechseln.
Kapitel 15 Waschtag
Bis zur Einführung der Waschmaschine in den 50er Jahren wechselte man die Wäsche nicht so häufig wie heute. Der monatliche Waschtag war nämlich ein sehr arbeitsintensiver Akt. Daher hieß es in der Regel: "Mach dich nicht schmutzig. Mit diesem Kleid musst du morgen zur Schule gehen!"
Am Vorabend des Waschtages weichte Mama die Wäsche in kaltem Wasser ein. In dieser sogenannten "Waschküche" im Keller befand sich ein beheizbarer Waschkessel. Außerdem gab es einige unterschiedlich große Zinkwannen, sowie verschiedene Geräte zum Schrubben und Auswinden und einen Arbeitstisch.
Morgens band sich meine Mutter zunächst ein Kopftuch um, um die Frisur zu schonen.
Dann ging sie in den Keller und heizte den Kessel mit Holz oder Kohle an. Nun wurde die Wäsche je nach Beschaffenheit "gekocht", geschrubbt, warm gewaschen, gespült und ausgewunden. Alles geschah von Hand. Mutter musste die heiße und schwere Wäsche aus dem Kessel in die Wannen zum Spülen befördern. Dazu benutzte sie einen sehr großen Holzlöffel.
Bei manchen Haushalten gab es ein Gerät mit einer Kurbel. Damit konnte man die Wäsche auswringen. Aber das hatten wir leider nicht. Schließlich kam die feuchte Wäsche in großen Körben in den Garten zum Trocknen.
Dafür wurde die Wäscheleine mit gespreizt aufgerichteten Holzstangen aufgespannt. In manchen Gärten gab es auch fest montierte Wäscheleinen.
Die Klammern waren aus Holz und gingen nicht so schnell kaputt.
An solchen Tagen war meine Mutter nicht gut zu sprechen. Am besten machte man sich so unsichtbar wie möglich.
Wenn ich aus der Schule kam, gab es entweder Grießbrei oder eine Suppe. Das Kochen sollte schließlich schnell gehen und wenig Arbeit machen.
Einmal setzte es auch eine Ohrfeige, weil ich mit meiner Freundin zwischen der frisch aufgehängten Wäsche Verstecken spielte.
Tisch- und Bettwäsche brachten wir nach dem Trocknen auf einem Leiterwagen zum Mangen.
Die Mangel, das ist eine schwere, beheizte Walze, zum Glätten von großen Wäschestücken. Anders als heute blieb man in der Mangelstube dabei. Man nahm die geglätteten Teile selbst aus der Mangel und faltete sie dann zusammen. Die kleinen Teile wurden mit einem elektrischen Bügeleisen zuhause gebügelt.
Nach so einem arbeitsreichen Tag hatte man wieder Lust auf etwas Gutes und Nahrhaftes. Manchmal gab es mein Lieblingsessen, nämlich Kässpätzle.
Kässpätzle
500 Gramm Mehl, 5 Eier, 1-2 Teelöffel Salz, Wasser, geriebener Schweizer Käse oder andere Käsesorten, ein bis zwei Zwiebeln.
Aus den Zutaten wird ein möglichst fester Teig gerührt. Er soll schwer reißend vom Löffel fallen. Dann wird der Teig durch ein Spatzensieb oder einen Spätzleschwab" in einen Topf mit kochendem Salzwasser gedrückt. Sobald die Spätzle aufwallen, kommen sie aus dem Wasser und in eine warme Schüssel. Nebenbei bräunt man die geschnittenen Zwiebeln mit viel Fett in einer Pfanne an. Die Spätzle werden mit Käse und Zwiebeln gemischt und mit Pfeffer und Salz gewürzt. Dazu gibt es einen grünen Salat.
Mein Tipp: Lieber etwas mehr kochen, es schmeckt sooo gut.
Kapitel 16 Kopf hoch
In Sigmaringen gab es Zahnärzte und Dentisten, das sind Zahnbehandler ohne Studium. Ein Termin beim Zahnarzt war gefürchtet und tatsächlich eine Schinderei. Wegen der miserablen Ernährung musste häufig gebohrt werden. Dann fing ich schon vorher an zu zittern.
Damals gab es am Behandlungsstuhl noch keine Turbinen mit Hochgeschwindigkeit. Der Zahnarzt oder Dentist bohrte mit einer ungekühlten Bohrmaschine. Dadurch erhitzte sich der behandelte Zahn rasch und schmerzhaft. Einmal sprang ich vom Stuhl und durch das offene Fenster hinaus! Zum Glück befand sich die Praxis im Erdgeschoss. Kinderkrankheiten wurden in der Regel mit Hausmitteln behandelt: Kalte Wickel gegen Fieber, Schmalzwickel gegen Mumps, Augentrost (ein Heilkraut) bei Augenentzündungen.
Einen Kinderarzt gab es nicht, wohl aber ein Krankenhaus und Hausärzte. Diese behandelten die ganze Familie und machten jederzeit Hausbesuche.
Mit 11 Jahren hatte ich einen Unfall, der recht resolut behandelt wurde. Beim Spielen mit der Jugendgruppe stürzte ich im Halbdunkel in einen offenen Kellerschacht. Meine Freunde fanden mich bewusstlos und blutüberströmt. Sie holten mich heraus und brachten mich zum Arzt. Der stellt eine Gehirnerschütterung fest und nähte die große Kopfwunde. Danach wurde ich dick verbunden, war aber immer noch ohne Bewusstsein.
Einer der älteren Buben bot sich an, mich auf seinem Fahrrad heimzuschieben. Er setzte mich auf den Sattel, umfasste mich mit einem Arm und schob mit der anderen Hand das Rad. Irgendwann kam ich zu mir und fragte: "Warom bin i auf deinem Rad?" Er antwortete: "Weil du it laufa kaascht!" Danach hütete ich eine Woche lang das Bett. Der Arzt kam täglich vorbei, aber es fand keinerlei Röntgenkontrolle statt.
Kapitel 17 Besser oder schlechter
Was hat sich seither, das heißt in den letzten 60 Jahren, verändert?
Viele Dinge waren in meiner Kindheit beschwerlich oder nicht zu bekommen. Doch gab es auch Möglichkeiten, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. So spielten wir grundsätzlich auf der Straße. An einen Spielplatz kann ich mich nicht erinnern. Wenn einmal ein Auto anrollte, was sehr selten vorkam, sprangen wir eben zur Seite.
Wir konnten auf Bäume klettern. Wir konnten uns mit einem Seil über die junge Donau hangeln. Im Winter konnten wir mitten auf der Straße Schlitten fahren. Im Sommer konnten wir zum Baden an die Donau gehen. Wir spielten oft und gerne im Wald. Schwimmen lernten wir alle in der Donau, Kurse dazu gab es nicht.
Heute erleichtern uns die vielen technischen und elektronischen Geräte den Alltag. Wir haben mehr Zeit für Dinge, die uns Freude machen.
Eure Eltern können sich Zeit nehmen für euch und eure Bedürfnisse. Sie spielen mit euch und hören euch zu. Das halte ich für besonders wichtig!
Auch ich möchte nicht mehr auf Dinge verzichten, die mein Leben erleichtern:
Waschmaschine, Spülmaschine, Fernseher, Mobiltelefon und Smartphone sind heute Standard. Dabei wird es nicht bleiben. Die Elektronik hat mich längst überrollt. Damit kennt ihr euch viel besser aus!
Und die Entwicklungen und Erfindungen gehen immer weiter....
Zwiebelkuchen
Und ganz zum Schluss noch mein Lieblingsrezept:
Salziger Hefeteig wie für eine Pizza,
750 Gramm Zwiebeln, 100 Gramm Speck,
30 Gramm Butter, 1/8 Liter saure Sahne,
2 Eigelb, Salz und Pfeffer.
Die Zwiebeln fein schneiden,
mit Butter und Speckwürfeln andünsten,
ohne sie zu bräunen.
Eventuell etwas Wasser hinzufügen
und gar dünsten.
Sahne und Eigelb verrühren,
mit den Zwiebeln mischen
und mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Auf einem gefetteten Blech den Teig ausrollen
und die Zwiebelmasse drauf streichen.
Bei Mittelhitze etwa 35 Minuten backen.
Möglichst gleich warm servieren.
Mein Tipp:
Da ich beim Zwiebelschneiden immer weine,
mache ich den Belag schon einen Tag vorher.
Dann sehe ich nicht so verweint aus!
Kapitel 18 Die Zukunft
Spielt ihr dann auch mit euren Enkeln Fußball? Lasst ihr euch bei "Memory" genau so abziehen, wie ihr es jetzt bei mir tut?
Was werdet ihr ihnen denn erzählen? Vom Kinderladen, von der Kita? Von euren Lieblingsspeisen? Oder von Mountainbikes und Dinosauriern?
Ich wünsche euch eine fröhliche, erfolgreiche, spannende Zukunft mit Kindern und Enkeln. Gebt auch ihr eure Geschichten weiter, damit sie erhalten bleiben.
Das Leben eurer Oma begann im Krieg. Es begann mit allen schlimmen Erlebnissen, mit Fliegeralarm und ohne den Vater. Auf diese Erfahrungen könnt ihr gerne verzichten.
Seit 70 Jahren leben wir jetzt schon im Frieden. Und es geht uns gut. Möge das immer so bleiben!
Das wünscht euch eure Oma Grete!
Grete Gringmuth im Jahr 2015