
Ein sicheres Gefühl für Rechtschreibung
Gibt es denn so etwas? Und wie könnte man dazu kommen? Intuition heißt die Zauberformel, die leider in Vergessenheit geraten ist. Dass man die Rechtschreibung intuitiv erlernen kann, ist für viele Pädagogen heute unvorstellbar.
In einem sehr hilfreichen Lernkompetenzbrief meiner geschätzten Kollegin Dina Beneken habe ich den Begriff „natürliches Gefühl für Rechtschreibung“ gelesen. Ich war gleich nostalgisch angehaucht, denn ich dachte sofort an meine eigene Rechtschreibung und an einen wissenschaftlichen Aufsatz von Dr. Hans-Georg Müller, Dozent an der Universität Potsdam. Zitat:
„Gerade sichere Rechtschreibende berichten daher oft, dass sie bei orthografischen Entscheidungen ihrem Gefühl folgen, was neurologisch betrachtet nichts anderes bedeutet, als dass sie sich auf ihre induktiv erworbenen Wissensstrukturen verlassen.“
Das passte bis zu meiner Beschäftigung mit der Leseförderung genau auf mich. Ich habe nur selten den Duden bemühen müssen, wenn es um die Rechtschreibung ging, und ich habe als Manager viele meiner Kolleginnen und Kollegen genervt, wenn ich in Entscheidungsvorlagen kleinlich einen Rechtschreibfehler korrigiert habe, ohne auf eine Regel zu verweisen.
Als „natürlich“ würde ich allerdings ein Gefühl für die Rechtschreibung nicht bezeichnen. Schließlich ist die Schriftsprache nicht in unseren Genen verankert. Aber ein gutes oder sicheres Rechtschreibgefühl, das gibt es auf jeden Fall.
Das Glück, intuitiv gelernt zu haben
Rechtschreibregeln habe ich bis zu meiner Beschäftigung mit der Rechtschreibförderung nicht gekannt! Meine Generation hat auch keine gelernt. Warum? Wir haben keine gebraucht. Wir hatten das Glück, die Rechtschreibung intuitiv erlernen zu dürfen. Wie das ging?
Wir haben eine längere Zeit keine eigenen Texte geschrieben, aber sehr viel abgeschrieben. In den ersten Klassen bestimmte Sätze bis zu zehnmal. Miriam Stiehler schreibt in einem Artikel mit der Überschrift „Dilettantismus ist nicht kinderfreundlich“, in dem Sie überzeugend das Modellprojekt des bayerischen Kultusministeriums zur Abschaffung der Schreibschrift in Grundschulen auseinandernimmt, dass 1962 neunmal so viel in den Grundschulen geschrieben wurde, wie heute. Damals wurde von Anfang an die Schreibschrift gelehrt. Das passt mit meiner Erinnerung und einem alten Heft aus 1953, das glücklicherweise überlebt hat, zusammen. Noch in der dritten Klasse haben wir unsere Aufsätze (mit rund 200 Wörtern) ein zweites Mal fehlerfrei abgeschrieben. Dina Beneken erwähnt in ihrem Lernkompetenzbrief, dass sie Hefte für die Erst- und Zweitschrift geführt hat, also ihre Texte ebenfalls zweimal schrieb.
Dr. Hans-Georg Müller sagt zum induktiven Lernen:
„Die neurologische Lernforschung der letzten Jahrzehnte hat zeigen können, dass die wesentlichen Lernprozesse des menschlichen Gehirns auf Induktion beruhen, sprich: Wir sind physiologisch ausgezeichnet darauf vorbereitet, aus einer Vielzahl von Beispielerfahrungen auf eine allgemeine Regel zu schließen, welche fortan unser Verhalten steuert (vgl. etwa Spitzer 2014, Rösler 2011).“
Reformpädagogen waren der Ansicht, die Kinder sollten nicht das schreiben müssen, was man ihnen vorgibt, sondern selbstbestimmt Texte verfassen. Deshalb wurde die Lehre umgestellt. Das gehört sicher auch zu dem Dilettantismus, den Miriam Stiehler in ihrem Cicero-Artikel anprangert. Man sieht die Kinder als kleine Erwachsene und überfordert sie mit deduktivem Denken, mit vielen Rechtschreibregeln und Ausnahmen.
Zum Schreiben braucht man heute das Gehör
Der wesentliche Unterschied von damals zu heute ist, dass man heute zum Schreibenlernen das Gehör braucht. Wir haben die Verschriftung der Wörter nicht vom Gehörten abgeleitet. Uns hat man gesagt, wie das Wort heißt, und dann haben wir es oft geschrieben, und zwar so oft, auch in Variationen, dass kaum Zweifel über die Schreibung blieben. In meiner Klasse gab es höchstens einen Mitschüler, der große Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Heute wäre der bestimmt im Mittelfeld. Das Gehör zur Rechtschreibung heranzuziehen, und dabei an Regeln zu denken, macht den Lernprozess deutlich schwieriger, denn die deutsche Sprache ist nur oberflächlich betrachtet lautgetreu.
Hörst du schp, schreibst du sp! Hörst du eu, prüfe, ob es ein verwandtes Wort mit au gibt, denn eu und äu klingen gleich. Wenn ja, schreibst du äu. Wenn es um die Säule geht, dürfte es schwierig werden. Und für viele Laute gibt es mehrere Möglichkeiten der Verschriftung. Für das a zum Beispiel gibt es die Schriftzeichen A, a, Aa, aa, Ah und ah. Für ein langes a kommen alle Zeichen in Frage, für ein kurzes nur die ersten beiden. Bei einem langen Vokal ist die Silbe offen, sie kann klingen, bei kurzem Vokal müssen zwei Konsonanten folgen, einer schließt die Silbe. Hört man nur einen, muss man ihn verdoppeln. Aber wenn ein k oder z auf einen kurzen Vokal folgt, gibt es eine Sonderregel. Aber Vorsicht, die Schne–cke hat trotz offener Silbe einen kurzen Vokal. Und bei Wörtern, die nicht ursprünglich deutsch sind, gelten die Regeln nicht. Beim Nikolaus wird das k nicht zum ck, weil der Name Nikolaus auf einen Bischof aus einer antiken Stadt an der Mittelmeerküste zurückgeht. Wer schon tiefer in der Rechtschreibung drin ist, der kann darauf hinweisen, dass die Regel beim Nikolaus schon deswegen nicht gilt, weil das Wort drei- und nicht ein- oder zweisilbig ist. Der Bus mit kurzem Vokal hat nur einen Konsonanten, weil er aus England kommt, die Mama kommt aus dem Französischen, mit langem a, aber bei uns spricht man das a kurz aus, trotzdem wird der Konsonant nicht verdoppelt. Kino hat ein langes i, wird aber nicht mit dem für unsere Sprache typischen ie geschrieben, weil dieses Wort aus Frankreich eingewandert ist. Den F-Laut kann man mit f oder v verschriften. Das v wird aber auch für den W-Laut verwendet. Usw. Wenn man eine Regel bei einem Wort einmal erfolgreich eingesetzt hat, ist nicht sicher, dass man sich beim nächsten Mal an die Schreibung dieses Wortes erinnert. Man braucht Wiederholungen. Und man muss die sich die Ausnahmen merken.
Als ich mit der Rechtschreibförderung begann, bin ich gleich an der ersten Aufgabe im Quali-Trainer für die Mittelschule gescheitert: „Begründe, warum man Hund mit d schreibt!“ Ich konnte das nicht. Von der Verlängerungsregel hatte ich bis dahin nie etwas gehört.
Scheiben lernt man nur durch Schreiben
Um ein gutes Gefühl für die Rechtschreibung zu entwickeln, muss man viel schreiben. Die zwei Jahre des Abschreibens, die ich nicht negativ in Erinnerung habe, haben mir später die Plage, den Ärger und Kummer erspart, mit dem meine Schüler zu tun haben. Sie können die Rechtschreibung aber auch lernen, halt anders als ich. Aber ohne viel zu üben und viel zu schreiben, geht es nicht. Die Regeln müssen in Fleisch und Blut übergehen, und die Ausnahmen muss man kennen. So kann ein sicheres Gefühl für Rechtschreibung entstehen.
Ich habe die unterschiedlichen Ansätze in einem Schaubild dargestellt, zugegeben, stark vereinfacht und auch ein bisschen provozierend, wobei ich davon ausgehe, dass die Fehlerzahl pro 100 Wörter seit 2012 noch deutlich gestiegen ist:

Man könnte es auch so ausdrücken: Das uns Erwachsenen langweilig erscheinende Abschreiben hat man den Schülern in der Grundschule erspart. Aber, die Rechtschreibung wurde dadurch zum Horrorthema für viele Schüler in den weitern Klassenstufen. Ihnen fehlen die Grundlagen für richtiges Schreiben. Sie haben bezüglich der Rechtschreibung Chaos im Kopf.
Sicher, es gibt auch Schüler, die keine oder wenig Rechtschreibprobleme haben. Aber zu viele Schüler kommen mit der heutigen Lehre nicht zurecht.
Dass das Rechtschreibniveau seit Jahrzehnten im Sinkflug ist, ficht die Lehrplanentwickler nicht an. Entlastung bringt die Einstufung der Legasthenie als Störung und Krankheit. Es gibt sogar eine S3 Richtlinie für die Behandlung. Auch viele Wissenschaftler sprechen von der Störung, die sogar im Weltkrankheitskatalog (IDC) aufgeführt ist. Für eine Krankheit fühlen sich die Beamten im Ministerium nicht zuständig. Mit diesem Thema habe ich mich erst vor kurzem in einem Blog auseinandergesetzt.
Im Lernkompetenzbrief von Dina Beneken ging es um das Korrigieren. Seinen Text zu korrigieren, das gehört zum Schreiben zwingend dazu, wird aber immer öfter ignoriert, wie man in Internetforen leicht feststellen kann. Korrigieren gibt den Schreibern die Chance, sich nach der intensiven Beschäftigung mit dem Inhalt, abschließend auf die Rechtschreibung zu konzentrieren. Und das Korrigieren ist ein Service für die Leser, denn ein normgerechter Text liest sich leichter. Und manche Leser müssen gar eine Note festlegen oder Punkte vergeben.
Je mehr man schreibt und je mehr man korrigiert, desto eher erwirbt man ein sicheres Gefühl für die Rechtschreibung! Schreiben lernt man nur durch Schreiben!
Februar 2026 – Siegbert Rudolph
Links
Dina Beneken, Lernkompetenzbriefe abonnieren
Hans-Georg Müller, Rechtschreiberwerb in der Sekundarstufe 1
Miriam Stiehler, Dilettantismus ist nicht kinderfreundlich
Wolfgang Steinig, Schreiben Grundschüler heute schlechter als vor 40 Jahren
Deutschunterricht in Klasse 1 – Lesekoch-Blog
Krankheit als Erlösung – Lesekoch-Blog
Rechtschreiberwerb ohne Ende – Lesekoch-Blog

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